Semmering 1912
Mein Grauer Hut
Der Märzwind klagt durch die winter-erfrorenen rostroten Gebüsche. Über
die grauen Wiesen bürstet er grauen Märzstaub auf, zieht in die Wälder hinauf,
um rotes starres Laub zum Rascheln zu bringen, zum Vorfrühling-Tanze!
Neben mir liegt mein geliebter grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hütchen.
Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe, an Alles! Ich habe ihn in
Mürzzuschlag gekauft, nach langem Suchen, er ist mein Ideal-Hut. Nun blicke
ich ihn an, in tiefster Zärtlichkeit, als ob er noch die hellen scharfen Lüfte und
Düfte vom Semmering-Paradiese in seinem Filzgewebe berge. Ja, für mich birgt
er sie, alle die Schätze, die mein Auge dort droben in der lichten scharfen Luft in
sich hineingetrunken hat, auf der Beton-Terrasse, 6 Uhr morgens, mit sonnigem
Wiesennebel und dem Mürz-Nebel-Strom ins Haidbachtal, weiß und leuchtend,
ein Märchen-Strom! Und abends die goldenen Wolken im Mürztal; und immer,
immer war es noch schöner als am Vortage, und meine Seele war reich durch
Begeisterung. Nichts entging mir von Gottes Pracht.
Nun denke ich an das Holdeste, Klara und Franziska Panhans, Magda
Simon, Eva Leopold, Frau Machlup, ebenfalls Gebilde der gütigen edel-
gestaltenden Natur! Für alle hatte ich den Blick fanatisch-zärtlicher
Begeisterung! Nun aber bleibt mir nur mein kleiner grauer Filzhut, Gemsjagd-
Kaiser-Hut; er liegt vor mir, unscheinbar, nichtssagend. Mir aber scheint die
untergegangene Sonnenwelt „Semmering“ daraus entgegen, und sagt mir
„adieu“, adieu für immer — — —. Weshalb dieses Schicksal?! Ich weiß es nicht
— — —.
8. März 1913. Vortag meines 54. Geburtstages. Für Frau Lilly St.