Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 26 von 152

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Semmering 1912

Mein Grauer Hut

 

Der Märzwind klagt durch die winter-erfrorenen rostroten Gebüsche. Über

die grauen Wiesen bürstet er grauen Märzstaub auf, zieht in die Wälder hinauf,

um rotes starres Laub zum Rascheln zu bringen, zum Vorfrühling-Tanze!

Neben mir liegt mein geliebter grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hütchen.

Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe, an Alles! Ich habe ihn in

Mürzzuschlag gekauft, nach langem Suchen, er ist mein Ideal-Hut. Nun blicke

ich ihn an, in tiefster Zärtlichkeit, als ob er noch die hellen scharfen Lüfte und

Düfte vom Semmering-Paradiese in seinem Filzgewebe berge. Ja, für mich birgt

er sie, alle die Schätze, die mein Auge dort droben in der lichten scharfen Luft in

sich hineingetrunken hat, auf der Beton-Terrasse, 6 Uhr morgens, mit sonnigem

Wiesennebel und dem Mürz-Nebel-Strom ins Haidbachtal, weiß und leuchtend,

ein Märchen-Strom! Und abends die goldenen Wolken im Mürztal; und immer,

immer war es noch schöner als am Vortage, und meine Seele war reich durch

Begeisterung. Nichts entging mir von Gottes Pracht.

Nun denke ich an das Holdeste, Klara und Franziska Panhans, Magda

Simon, Eva Leopold, Frau Machlup, ebenfalls Gebilde der gütigen edel-

gestaltenden Natur! Für alle hatte ich den Blick fanatisch-zärtlicher

Begeisterung! Nun aber bleibt mir nur mein kleiner grauer Filzhut, Gemsjagd-

Kaiser-Hut; er liegt vor mir, unscheinbar, nichtssagend. Mir aber scheint die

untergegangene Sonnenwelt „Semmering“ daraus entgegen, und sagt mir

„adieu“, adieu für immer — — —. Weshalb dieses Schicksal?! Ich weiß es nicht

— — —.

8. März 1913. Vortag meines 54. Geburtstages. Für Frau Lilly St.