Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 64 von 152

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Semmering 1912

Bilanz

 

Es gibt Dinge, die unvergeßlich sind. Mit diesen hat man seine Seele zu

beschäftigen und alle anderen Dinge zurücktreten, verblassen, verschwinden,

also allmählich absterben zu lassen. Unvergeßlich ist das Vöslauer laue

Schwimmbassin mit Lindengeruch. Dann der „Lackaboden“, Alm vor dem

Schneeberg; die Bodenwiese mit den Kolröserln; Austern à discrétion, also sechs

Dutzend; die kleine „Veilchenfeld“, die kleine Magda S., Evelyn H., Klara und

Frantzi P. und Eva Leopold und Sonja Dunjersky. Dann Richard Wagner,

Beethoven, Mozart, Bach, Grieg, Hugo Wolf, Richard Strauß, Johannes Brahms,

Puccini, Massenet. Dann die „Topfen-Pastete“ und „Filet de Sole à la Morny“

und „Poires bonne femme“ und „pommes concierge“. Dann „Hamsun“,

„Strindberg“, „Maeterlinck“, „Gerhart Hauptmann“. Dann „Van Dyck“ als „Des

Grieux“ in „Manon“, „Maria Renard“ als „Lotte“ in „Werther“, „Hermann

Winkelmann“, in allen seinen Rollen. Dann der „Semmering“, zu allen

Jahreszeiten. Man muß „Buch führen“ über „reelle Werte“, im sonst leicht

„passiv werdenden“ Dasein! Frauen haben eine perfide Geschicklichkeit,

„unreelle Werte“, wie Schmuck, Pelz, Kleider, in ihr „Plus-Konto“ des Lebens

frech einzutragen. Da müssen sie halt die ganze Bilanz plötzlich durch einen

„feschen Offizier“ wieder ins Gleichgewicht bringen! Auch „unglückliche

Spieler“ legen sich plötzlich eine „Geliebte“ zu, um sich es in ihrem falschen

Buch-Konto zu verrechnen, daß sie „an ihr“ zugrunde gegangen sind!

Eine richtige, anständige, ehrliche „Bilanz des Daseins“ führen nur die

Selbstmörder. Aber wie wenige, hélas, gibt es noch heutzutage?!