Semmering 1912
Bilanz
Es gibt Dinge, die unvergeßlich sind. Mit diesen hat man seine Seele zu
beschäftigen und alle anderen Dinge zurücktreten, verblassen, verschwinden,
also allmählich absterben zu lassen. Unvergeßlich ist das Vöslauer laue
Schwimmbassin mit Lindengeruch. Dann der „Lackaboden“, Alm vor dem
Schneeberg; die Bodenwiese mit den Kolröserln; Austern à discrétion, also sechs
Dutzend; die kleine „Veilchenfeld“, die kleine Magda S., Evelyn H., Klara und
Frantzi P. und Eva Leopold und Sonja Dunjersky. Dann Richard Wagner,
Beethoven, Mozart, Bach, Grieg, Hugo Wolf, Richard Strauß, Johannes Brahms,
Puccini, Massenet. Dann die „Topfen-Pastete“ und „Filet de Sole à la Morny“
und „Poires bonne femme“ und „pommes concierge“. Dann „Hamsun“,
„Strindberg“, „Maeterlinck“, „Gerhart Hauptmann“. Dann „Van Dyck“ als „Des
Grieux“ in „Manon“, „Maria Renard“ als „Lotte“ in „Werther“, „Hermann
Winkelmann“, in allen seinen Rollen. Dann der „Semmering“, zu allen
Jahreszeiten. Man muß „Buch führen“ über „reelle Werte“, im sonst leicht
„passiv werdenden“ Dasein! Frauen haben eine perfide Geschicklichkeit,
„unreelle Werte“, wie Schmuck, Pelz, Kleider, in ihr „Plus-Konto“ des Lebens
frech einzutragen. Da müssen sie halt die ganze Bilanz plötzlich durch einen
„feschen Offizier“ wieder ins Gleichgewicht bringen! Auch „unglückliche
Spieler“ legen sich plötzlich eine „Geliebte“ zu, um sich es in ihrem falschen
Buch-Konto zu verrechnen, daß sie „an ihr“ zugrunde gegangen sind!
Eine richtige, anständige, ehrliche „Bilanz des Daseins“ führen nur die
Selbstmörder. Aber wie wenige, hélas, gibt es noch heutzutage?!