Semmering 1912
Forellenfang
75 Kilometer lang ist das gesamte Gebirgswasser in Naßwald. Es ist
flaschengrün, weiß und graugrün; es steht mäuschenstill in winzigen
Felsbuchten, es schäumt bösartig weiß, es zieht gemächlich graugrün über
flachen Kiesboden. Hinter jedem Stein eine Forelle! Kein Stein ohne Forelle
dahinter, es wäre denn, daß sie gerade weggeangelt wurde. Hinter jedem Stein
also lauert der heimtückische Insektenmörder. Plötzlich wird er von der
Angelrute herausgeschnellt im Bogen. Man sieht etwas herrliches Silbernes und
schon liegt es auf der Wiese. Man schlägt es an dem Fußabsatz ab, wenn es ein
Regenwurmfang war, setzt es in den Bottich, wenn es ein Kunstfliegenfang war.
Es gibt berühmte Kunstfliegenangler. Ihre Kunst besteht darin, die Kunstfliege
so auf das Wasser hinzuwerfen, daß es wie eine echte aussieht. Das ist ja im
Leben überhaupt oft so. So wird man berühmt. Man wirft den Köder aus, und
— — die Forelle nimmt es für eine echte, und man hat sie! Forellenangeln und
Naturfreund sein, ist eines! Denn man muß wandern, wandern von Stein zu
Stein. Hinter jedem hockt eben eine. Und diese Wanderung befriedigt nur, wenn
man die umgebende Natur herzlich lieb hat. Der Hecht verlangt keine
Naturfreude vom Angler. Er steht irgendwo und man hat zu warten. Man wartet,
wartet, bis das Ereignis eintritt. Dann beginnt die Geschicklichkeit. Aber mit der
Natur hat es nichts zu tun. Es ist nur aufregend.
Der Forellenfänger liebt das Gebirgswasser leidenschaftlich, er vergißt
darüber Weib und Kind, oft sogar das Essen. Er versenkt sich in die Details der
Umgebung, ein einziges Zeichen wirklichen Genießens! Denn „in Bausch und
Bogen“ ist es brutal und wertlos! Er zieht dahin, von Stein zu Stein, er sieht
alles, alles. Und wenn er ermüdet heimkehrt mit seiner reichen Beute, glaubt er
etwas geleistet zu haben. Ja, denn er hat sich sogar einen urgesunden tiefen
Schlaf verschafft!