Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 94 von 152

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Semmering 1912

Annonce

 

Ich lese im „N. W. T.“ eine Annonce, die mit dick gesperrten Lettern

beginnt: „Bei Behandlung von Herzkrankheiten — — — — —“, und dann folgt

die Anpreisung des berühmten „Franz Josef-Bitterwasser“, vor dem Frühstück

(1/8 Liter) in kleinen Schlucken, ganz langsam, absatzweise, zu trinken! Nun

meinen natürlich alle Leser, daß diese zu Anfang gesperrt gedruckten 4 Worte

nur dazu dienen, den Leser „einzufangen“ und zu „verlocken“. Jawohl — — —

nämlich zu seinem eigenen Heile! Denn die vitale Nervenkraft des Herzens

hängt von der minütiösen Sorgfalt, die man dem gesamten Verdauungsapparate

angedeihen läßt, ab! Überhaupt, die Verachtung der „Annonce“ in einem großen

Tageblatte, bloß weil der Fabrikant dabei verdienen will, ist kindisch! Man

nehme nur diese täglichen Annoncen:

 

Menthol-Franzbranntwein,

Salz-Cakes,

Sanatogen,

Biocithin,

Vegetabilische Nährsalze,

Eau de Cologne 4711,

Chocolat Suchard,

Califig,

Pears soap.

 

Ewiges Mißtrauen ist schädlicher als ewige Gläubigkeit. Es muß erst ein

Arzt in schwarzem Gehrock und funkelnder Brille dir ernst und gemessen sagen:

„Nun, versuchen wir es einmal mit Sanatogen und Tamarinde,“ damit du, Ochs,

Vertrauen schöpfest zu Dingen, die dir doch täglich morgens mit lauter

Druckerschwärze gepredigt werden! Nur der, der nicht annonciert, kann mir

nicht nützen, denn ich weiß von ihm nichts!