Semmering 1912
Annonce
Ich lese im „N. W. T.“ eine Annonce, die mit dick gesperrten Lettern
beginnt: „Bei Behandlung von Herzkrankheiten — — — — —“, und dann folgt
die Anpreisung des berühmten „Franz Josef-Bitterwasser“, vor dem Frühstück
(1/8 Liter) in kleinen Schlucken, ganz langsam, absatzweise, zu trinken! Nun
meinen natürlich alle Leser, daß diese zu Anfang gesperrt gedruckten 4 Worte
nur dazu dienen, den Leser „einzufangen“ und zu „verlocken“. Jawohl — — —
nämlich zu seinem eigenen Heile! Denn die vitale Nervenkraft des Herzens
hängt von der minütiösen Sorgfalt, die man dem gesamten Verdauungsapparate
angedeihen läßt, ab! Überhaupt, die Verachtung der „Annonce“ in einem großen
Tageblatte, bloß weil der Fabrikant dabei verdienen will, ist kindisch! Man
nehme nur diese täglichen Annoncen:
Menthol-Franzbranntwein,
Salz-Cakes,
Sanatogen,
Biocithin,
Vegetabilische Nährsalze,
Eau de Cologne 4711,
Chocolat Suchard,
Califig,
Pears soap.
Ewiges Mißtrauen ist schädlicher als ewige Gläubigkeit. Es muß erst ein
Arzt in schwarzem Gehrock und funkelnder Brille dir ernst und gemessen sagen:
„Nun, versuchen wir es einmal mit Sanatogen und Tamarinde,“ damit du, Ochs,
Vertrauen schöpfest zu Dingen, die dir doch täglich morgens mit lauter
Druckerschwärze gepredigt werden! Nur der, der nicht annonciert, kann mir
nicht nützen, denn ich weiß von ihm nichts!