Semmering 1912
Aconitum Napellus
In meiner letzten Verzweiflung körperlicher Qualen nahm ich Aconitum
Napellus. Ich hatte ihn vor acht Wochen blühen gesehen, auf dem Wege von
Schluderbach nach Misurinasee, von dort nach „Tre croce“, von Kortina auf den
Falzaregopaß. Überall hatte ich diese giftige Bergblüte gesehen, oft in Mengen
wie kleine Felder. Und eigentümlich haftete mein Auge auf diesen Blüten, als
ahnte ich, daß ich sie bald in meinem Zimmerchen als winzige durchscheinende
Kügelchen, als letzte Hoffnung sterbender Nerven schlucken würde! Damals
erlebte ich sie als Zeichen der Bergflora, neben Rhododendron und Legföhre.
Wie romantisch kam mir die Blüte vor in ihrer mysteriösen Giftigkeit. Nun aber
schlucke ich zwei Pillen, viertelstündlich. Wird es nützen?! Ich gedenke der
herrlichen Tage, da ich die Blüte bewundern durfte, in Höhen, wo es karg ist und
der Nachtsturm braust — — —.