Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 77 von 152

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Semmering 1912

Aconitum Napellus

 

In meiner letzten Verzweiflung körperlicher Qualen nahm ich Aconitum

Napellus. Ich hatte ihn vor acht Wochen blühen gesehen, auf dem Wege von

Schluderbach nach Misurinasee, von dort nach „Tre croce“, von Kortina auf den

Falzaregopaß. Überall hatte ich diese giftige Bergblüte gesehen, oft in Mengen

wie kleine Felder. Und eigentümlich haftete mein Auge auf diesen Blüten, als

ahnte ich, daß ich sie bald in meinem Zimmerchen als winzige durchscheinende

Kügelchen, als letzte Hoffnung sterbender Nerven schlucken würde! Damals

erlebte ich sie als Zeichen der Bergflora, neben Rhododendron und Legföhre.

Wie romantisch kam mir die Blüte vor in ihrer mysteriösen Giftigkeit. Nun aber

schlucke ich zwei Pillen, viertelstündlich. Wird es nützen?! Ich gedenke der

herrlichen Tage, da ich die Blüte bewundern durfte, in Höhen, wo es karg ist und

der Nachtsturm braust — — —.