Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 43 von 152

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Semmering 1912

Erbleichet! Errötet!

 

Ich kann es immer nur wiederholen und wiederholen: „Suchet Zugluft auf!“

Es gibt eine ganz einfache Art für reiche Leute, 150 Jahre alt zu werden, das ist,

neben dem Chauffeur, bei jeglichem Wetter, mit freiem Halse und ohne Hut

durch die Welt zu fahren, und nur nachts in ruhigen Zimmern, bei weit

geöffneten Fenstern, zu rasten. Zugluft ist das Heilmittel! Alles daran zu setzen,

sie vertragen zu können, ist das Wesen des modernen „Höchstkultivierten“!

Angst vor Rheumatismus oder Bronchialkatarrh ist das absolut untrügliche

Zeichen eines tief rückständigen unaristokratischen Organismus! Da helfen

weder Ahnen, noch sogenannte künstlerische Qualitäten! Der betreffende

Organismus ist in jeglicher Beziehung „geschnapst“. Ein Sänger, der seinen

Kragen hochstellt, ist kein Sänger. Seine Kunst kann ihn in jedem Augenblick im

Stiche lassen! Regen, Sturm müssen dem echten Sänger Labsal, ja Erquickung

sein! Er setze sich auf dem herrlichen Plateau der Rax tagelang dem Gebrause

aus! Was die Legföhre aushält und das Rhododendron, gerade eben dasselbe

muß auch er aushalten! Abgehärtete Frauen sind bereits dadurch allein schon in

einer „höheren Rangsklasse“! Verwöhnte sind Gänse, in jeder Beziehung! Ich

kenne alle Seelen und Gehirne der nicht absolut abgehärteten Menschen. Es ist

Talmi und Pofel! Schein-Existenzen!