Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 85 von 152

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Semmering 1912

Erster Schnee

 

12. September 1912. Es regnete und es schneite zugleich. Der

Sonnwendstein war bedeckt mit Schnee. Das war ein Lokalereignis. Jedermann

besprach es eifrig. Die herrliche 14jährige, wie eine Venetianerin aus dem 18.

Jahrhundert, stellte sich an die Fensterscheibe und sah hinaus. Alles andere ward

sogleich dagegen lächerlich und gleichgültig. Für sie war Schnee gefallen auf

dem Sonnwendstein, denn sie interessierte sich dafür. Ich hätte ihr zwei Meter

hohen Schnee gewünscht, ganze weiße Hügel und Abgründe, damit sie sich

besser amüsiere bei dem Anblick! Sie sah hinaus, und ich beneidete die

Fensterscheibe um den Hauch ihres unbeschreiblich schön modellierten Mundes.

Überall zogen Nebelfetzen dahin, dorthin, zerfetzten, verwischten die

Landschaft, ertränkten sie in Grau. Das junge Mädchen begann sich zu

langweilen. Es wird ein öder Tag werden in diesem Berg-Hotel. Mir erschien er

licht und wertvoll! Sie setzte sich hin, um mit einem Kinde ein Spiel mit gelben,

grünen, lila Würfelchen zu spielen. Sie ließ das Kind absichtlich gewinnen. Das

Kind sagte: „Mit dir spiele ich nicht mehr, du spielst zu schlecht, immer verlierst

du, du Ungeschickte!“