Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 50 von 152

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Semmering 1912

Oberflächlicher Verkehr

 

Ein Herr, den ich zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, kam im Berghotel per

Automobil an und sagte zu mir: „Gut, daß ich gerade Sie hier begrüßen kann. Sie

kennen sich doch auf dem Semmering gewiß gut aus. Wo ist hier der Raseur?!“

— „Gleich im Hause daneben“, erwiderte ich. — „Ich wußte es ja,“ sagte er

beglückt, „daß ich mich an die richtige Adresse gewendet habe; adieu — — —.“

Ein Herr schreibt mir aus Prag: „Teurer verehrter Meister, in Ihrem Buche

„Prodromos“ ist ein englischer Reibhandschuh angepriesen. Kann ihn in ganz

Prag nicht finden. Bitte auch um genaue Angabe des Preises!“ Ich schrieb

zurück: „Bürsten sind nur in Eisenhandlungen zu finden, Preis 1 Krone und

10000, je nach der Qualität!“

Eine Dame, die mir ausnehmend gut gefiel, sagte mir: „Ich habe ein

diskretes Anliegen an Sie. Können Sie mich nicht mit Ihrem reizenden Freunde

bekannt machen?!“ — „Nein!“ erwiderte ich schlagfertig.

Ein Herr aus Berlin schrieb mir: „Wie lange wollen Sie noch uns Leser mit

Ihren Brocken von angeblicher Seelentiefe anöden?!“ Ich erwiderte, ich sei zwar

schon ziemlich abbröckelnd, aber den genauen Zeitpunkt des definitiven Endes

könne ich nicht angeben, er möge sich noch ein wenig gedulden — — —.

Jemand fragte mich, wo denn eigentlich meine Bücher zu haben seien?!

Worauf ich erwiderte: „Ich glaube, der Bäckermeister oder der Schuster dürfte

noch einige Exemplare auf Lager haben — — —.“

Jemand schrieb mir aus Klein-Höflein, wo ich nie gewesen war und auch

niemanden kenne: „Falls Sie nicht innerhalb acht Tagen Ihre Schuld von 11

Kronen 60 Heller bezahlen, werde ich die Sache meinem Advokaten

übergeben!“ Infolgedessen bezahlte ich 11 Kronen 60 Heller nach Klein-Höflein.

Wenn ich nur wüßte, wo dieser Ort liegt?!

Jemand sagte zu mir: „Ah, Sie sind der berühmte Herr Paul Altenberger,

über den so viele gute Witze kursieren?!“ Ich sagte, ich hätte noch andere

Qualitäten, und entfernte mich hoheitsvoll-gelassen.

Eine junge Dame sagte zu mir: „Einmal und nicht wieder!“ Ich hatte sie

nämlich ihr Nachtmahl selbst bezahlen lassen. Freilich hatte ich die vergebliche

Hoffnung gehabt, sie würde auch meines gleich mitbezahlen — — —.

Eine reiche Familie, der ich es mitteilte, daß heute, 9. März, mein

Geburtstag sei, sagte im Chore, daß man es mir wirklich gar nicht ansehe, ich

schaute aus wie ein guterhaltener Fünfziger. Mir wäre es lieber gewesen, ich

hätte den „Fünfziger“ gut erhalten!

Das sind lauter oberflächliche Bekanntschaften, nichts Solides dahinter,

kein Gemüt und kein Geld. Es ist sehr, sehr schwer, Menschen zu finden, die

sich wirklich und ernstlich an einen anschließen — — —.