Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 111 von 152

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Semmering 1912

Respekt

 

Er war immer, immer gerührt, ergriffen durch ihre „Persönlichkeit“, die

auch die lange Krankheit nicht in ihr vernichten konnte. Er hatte immer die Idee,

sie würde mit dem letzten Atemzuge noch einen überaus herzigen und aparten

Clowntrick machen, und z. B. sagen: „O, Peter, ich werde also, wenn ich

hinkomme morgen, den Petrus bitten, er soll, wenn du ankommst, dir deine

vielen Sünden verzeihen, schon weil du sein Namensvetter bist!“

Infolgedessen konnte er sich nicht enthalten, sie im Gespräche hie und da

zärtlichst bei der Hand, am Arme, am Haupte, anzurühren. Wie ein süßes

Kindchen.

Da sagte sie eines Tages: „Frau Lilly rührst du nie an, obzwar du sie auch

sehr gern hast! Du hast aber mehr Respekt vor ihr! Siehst du?“

Seitdem habe ich die süße kindliche Frau nie mehr angerührt.

Einmal sagte sie zu mir: „Hast du mich also nicht mehr so gern wie früher,

Peter?“

„O ja, aber ich habe Respekt vor dir bekommen!“

„Du dummer Mensch!“ sagte sie und lächelte —