Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 125 von 152

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Semmering 1912

Besuch

 

Nun gut, ich bin ewig begeistert, trotz meiner 53 Jahre und meiner

Krankheit, die doch schließlich unmerklich die Kräfte wegfrißt wie ein

irrsinniger Jaguar, der nie genug hat und im Blute wühlt und trinkt ganz ohne

Durst! Mir gegenüber, auf Zimmer 142, 143, wohnt seit gestern ein kleines

Mädchen, Ungarin, Bulgarin oder Serbin; im Nationalkostüm mit ganz nackten,

herrlichsten Beinen geht sie. Als ich sie heute auf der Stiege traf, lächelte ihre

Mama über mein begeistertes Gesicht. Ich stand und schaute. Weshalb reisen,

wenn die fremden Länder in ihrer Märchenpracht sich zu uns bemühen?! Das

Hotelstubenmädchen ließ mich in das unaufgeräumte Zimmer. Ich kniete an dem

Bett des Kindes nieder, küßte das Linnen, auf dem ihr heiliger Leib geruht! Das

Stubenmädchen sagte: „Wann sollen denn die Menschen schön sein als so lang

sie klein sind?! Später „wachsen sie sich aus“, da wird eine wie die andere

— —.“

Ich schenkte ihr zwei Kronen, denn sie war meine Mitarbeiterin geworden

an dieser Skizze, die zwar noch nicht angenommen und bezahlt ist. Aber man

muß etwas riskieren — — —.