Semmering 1912
Besuch
Nun gut, ich bin ewig begeistert, trotz meiner 53 Jahre und meiner
Krankheit, die doch schließlich unmerklich die Kräfte wegfrißt wie ein
irrsinniger Jaguar, der nie genug hat und im Blute wühlt und trinkt ganz ohne
Durst! Mir gegenüber, auf Zimmer 142, 143, wohnt seit gestern ein kleines
Mädchen, Ungarin, Bulgarin oder Serbin; im Nationalkostüm mit ganz nackten,
herrlichsten Beinen geht sie. Als ich sie heute auf der Stiege traf, lächelte ihre
Mama über mein begeistertes Gesicht. Ich stand und schaute. Weshalb reisen,
wenn die fremden Länder in ihrer Märchenpracht sich zu uns bemühen?! Das
Hotelstubenmädchen ließ mich in das unaufgeräumte Zimmer. Ich kniete an dem
Bett des Kindes nieder, küßte das Linnen, auf dem ihr heiliger Leib geruht! Das
Stubenmädchen sagte: „Wann sollen denn die Menschen schön sein als so lang
sie klein sind?! Später „wachsen sie sich aus“, da wird eine wie die andere
— —.“
Ich schenkte ihr zwei Kronen, denn sie war meine Mitarbeiterin geworden
an dieser Skizze, die zwar noch nicht angenommen und bezahlt ist. Aber man
muß etwas riskieren — — —.