Semmering 1912
Luftveränderung
Es ist merkwürdig, wie sich Familienangehörige in Kurorten begrüßen, die
vielleicht kaum acht Tage lang getrennt waren voneinander. Als ob sie von einer
monatelangen Weltreise gekommen wären! Ein ganz neuer Ton von zärtlicher
Freude, von intensivstem Interesse wird angeschlagen. „Findest du unser
Püppchen besser aussehend, Papa?“ — „Na, ich bin noch nicht so ganz
zufrieden, sie ist halt ein ‚Zarterl‘, was, Minnerl?“ — „Kinder, laßt euch in euren
Gewohnheiten (von acht Tagen) ja nicht stören, ich werde mich allem
akkommodieren (alter Jesuit!).“
„Baby will hier das zweite Ei zum Frühstück nicht essen, ich habe ihr
gedroht, ich würde es Papa melden (haste wichtige Meldung!), wenn er kommt!“
— „Nun, das macht wahrscheinlich die Luftveränderung!“ In besserer Luft kann
man also kein zweites Ei essen? Auch die Bonne wird netter, rücksichtsvoller
behandelt als zu Hause. „Was, Marie, hier ist es schön?“ — „Bitt’, gnä’ Herr, ja
— — —.“ Eine ewige Sorge um Paletots, Jacken, Schals, als ob alle plötzlich
tuberkulös geworden wären. „Annie häkelt hier (weshalb plötzlich hier?) schon
so nett, sogar ohne Aufforderung (sie scheint also hier zu verblöden!).“ —
„Schlaft ihr hier nach dem Speisen?“ Auf einmal weiß er nicht, ob seine
Familienmitglieder schlafen oder nicht. Die Luftveränderung scheint ihm nicht
gut zu tun, dem Erhalter und Ernährer.
Man verkehrt miteinander wie Fremde bei einer Jour-Jause. „Angenehme
Nachrichten?“ fragt man bei der Morgenpost. Der Kassier ist ihm
durchgegangen. „Alles in schönster Ordnung zu Hause, mein Täubchen!“ Der
Arzt hat nämlich gesagt: „Zwanzig Bäder kosten zweihundert Kronen. Aber vor
allem keinerlei Aufregung, darauf muß ich strengstens bestehen!“ Nämlich auf
den zweihundert Kronen.