Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 80 von 152

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Semmering 1912

Luftveränderung

 

Es ist merkwürdig, wie sich Familienangehörige in Kurorten begrüßen, die

vielleicht kaum acht Tage lang getrennt waren voneinander. Als ob sie von einer

monatelangen Weltreise gekommen wären! Ein ganz neuer Ton von zärtlicher

Freude, von intensivstem Interesse wird angeschlagen. „Findest du unser

Püppchen besser aussehend, Papa?“ — „Na, ich bin noch nicht so ganz

zufrieden, sie ist halt ein ‚Zarterl‘, was, Minnerl?“ — „Kinder, laßt euch in euren

Gewohnheiten (von acht Tagen) ja nicht stören, ich werde mich allem

akkommodieren (alter Jesuit!).“

„Baby will hier das zweite Ei zum Frühstück nicht essen, ich habe ihr

gedroht, ich würde es Papa melden (haste wichtige Meldung!), wenn er kommt!“

— „Nun, das macht wahrscheinlich die Luftveränderung!“ In besserer Luft kann

man also kein zweites Ei essen? Auch die Bonne wird netter, rücksichtsvoller

behandelt als zu Hause. „Was, Marie, hier ist es schön?“ — „Bitt’, gnä’ Herr, ja

— — —.“ Eine ewige Sorge um Paletots, Jacken, Schals, als ob alle plötzlich

tuberkulös geworden wären. „Annie häkelt hier (weshalb plötzlich hier?) schon

so nett, sogar ohne Aufforderung (sie scheint also hier zu verblöden!).“ —

„Schlaft ihr hier nach dem Speisen?“ Auf einmal weiß er nicht, ob seine

Familienmitglieder schlafen oder nicht. Die Luftveränderung scheint ihm nicht

gut zu tun, dem Erhalter und Ernährer.

Man verkehrt miteinander wie Fremde bei einer Jour-Jause. „Angenehme

Nachrichten?“ fragt man bei der Morgenpost. Der Kassier ist ihm

durchgegangen. „Alles in schönster Ordnung zu Hause, mein Täubchen!“ Der

Arzt hat nämlich gesagt: „Zwanzig Bäder kosten zweihundert Kronen. Aber vor

allem keinerlei Aufregung, darauf muß ich strengstens bestehen!“ Nämlich auf

den zweihundert Kronen.