Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 47 von 152

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Semmering 1912

Psychologie

 

Ich beurteile schon seit längerer Zeit die Menschen nach den

Gegenständen, die sie tragen, lieb haben und für hübsch finden. Das ist ein

„biografical essay“ über ihr eigenes Wesen! Zum Beispiel sind mir Männer

höchst suspekt, die Stöcke tragen mit oxydierten Silbergriffen, die irgend etwas

vorstellen, wie Hundekopf, Schlange oder gar ein reizendes Frauenköpfchen mit

Lockengewirr. Freilich haben die Kerls dann die Ausrede, sie hätten es von

einem lieben Freund geschenkt erhalten; aber erstens hat man keine solchen

geschmacklosen Freunde eben nicht zu haben (zwei Verneinungen geben leider

eine Bejaung), und zweitens kann man das Geschenk einem guten Freund auch

über den Schädel hauen. Überhaupt bin ich unter kultivierten Menschen nur für

„Bons“ in einem bestimmten Geschäft! Suspekt ist mir auch rosa, hellblaue und

grellrote Seide, während Atlas, Samt oder Damast bereits zu den „leichten

Vergehen wider die Sittlichkeit“ zu zählen sind. Bedruckte, nicht gewebte

Krawatten, erregen ziemliches Bedenken, obzwar hier die „Natur-Bauernmuster“

noch zu pardonnieren sind. In „einer einzigen Farbe“ gekleidet sein, vom Hut

bis zu den Schuhen, ist „letzte Aristokratie“ 1913! Schirme haben nur

Naturgriffe zu haben. Ein freier Hals ist edelrassig. Hohe Krägen sind ein

Nonsens, außer für Störche. In einem Kleidungsstücke nicht sämtliche

Bewegungen eines erstklassigen Parterreakrobaten im „Apollotheater“ machen

zu können, ist schlechtrassig! Hosen können nie breit genug sein, und sind

immer noch viel zu eng! Letzte Knöpfe am Gilet offen zu lassen, ist eine

miserable Vergeßlichkeit. Jemandem, der sagt, er wolle nicht auffallen, dem

erwidere ich, daß auch Beethovens Adagios auffallend waren, nämlich

auffallend schön! „Die Herde ist das, wovon man sich in allem zu unterscheiden

hat!“ „Man trägt jetzt — — —“ ist ein hundsordinärer Blödsinn.

„Guten Morgen, mein Herr, wie steht Ihr wertes Befinden?!“ sagte ich zu

einem Fremden, der auf dem „Semmeringer Hochweg“ mit Zylinder spazieren

ging.

„O sehr gut, in dieser herrlichen Gebirgswelt; aber woher kennen Sie mich

denn?!“

„Ich kenne Sie seit Ihrer Geburt wie meine eigene Tasche, da ich sehe, daß

Sie hier einen Zylinder tragen — — —“

„Ich bin das meiner Stellung in der Welt schuldig, mein Herr — — —“

„Auch das habe ich sogleich bemerkt, daß Sie irgendjemandem irgend

etwas schuldig sind — — — !“