Semmering 1912
Psychologie
Ich beurteile schon seit längerer Zeit die Menschen nach den
Gegenständen, die sie tragen, lieb haben und für hübsch finden. Das ist ein
„biografical essay“ über ihr eigenes Wesen! Zum Beispiel sind mir Männer
höchst suspekt, die Stöcke tragen mit oxydierten Silbergriffen, die irgend etwas
vorstellen, wie Hundekopf, Schlange oder gar ein reizendes Frauenköpfchen mit
Lockengewirr. Freilich haben die Kerls dann die Ausrede, sie hätten es von
einem lieben Freund geschenkt erhalten; aber erstens hat man keine solchen
geschmacklosen Freunde eben nicht zu haben (zwei Verneinungen geben leider
eine Bejaung), und zweitens kann man das Geschenk einem guten Freund auch
über den Schädel hauen. Überhaupt bin ich unter kultivierten Menschen nur für
„Bons“ in einem bestimmten Geschäft! Suspekt ist mir auch rosa, hellblaue und
grellrote Seide, während Atlas, Samt oder Damast bereits zu den „leichten
Vergehen wider die Sittlichkeit“ zu zählen sind. Bedruckte, nicht gewebte
Krawatten, erregen ziemliches Bedenken, obzwar hier die „Natur-Bauernmuster“
noch zu pardonnieren sind. In „einer einzigen Farbe“ gekleidet sein, vom Hut
bis zu den Schuhen, ist „letzte Aristokratie“ 1913! Schirme haben nur
Naturgriffe zu haben. Ein freier Hals ist edelrassig. Hohe Krägen sind ein
Nonsens, außer für Störche. In einem Kleidungsstücke nicht sämtliche
Bewegungen eines erstklassigen Parterreakrobaten im „Apollotheater“ machen
zu können, ist schlechtrassig! Hosen können nie breit genug sein, und sind
immer noch viel zu eng! Letzte Knöpfe am Gilet offen zu lassen, ist eine
miserable Vergeßlichkeit. Jemandem, der sagt, er wolle nicht auffallen, dem
erwidere ich, daß auch Beethovens Adagios auffallend waren, nämlich
auffallend schön! „Die Herde ist das, wovon man sich in allem zu unterscheiden
hat!“ „Man trägt jetzt — — —“ ist ein hundsordinärer Blödsinn.
„Guten Morgen, mein Herr, wie steht Ihr wertes Befinden?!“ sagte ich zu
einem Fremden, der auf dem „Semmeringer Hochweg“ mit Zylinder spazieren
ging.
„O sehr gut, in dieser herrlichen Gebirgswelt; aber woher kennen Sie mich
denn?!“
„Ich kenne Sie seit Ihrer Geburt wie meine eigene Tasche, da ich sehe, daß
Sie hier einen Zylinder tragen — — —“
„Ich bin das meiner Stellung in der Welt schuldig, mein Herr — — —“
„Auch das habe ich sogleich bemerkt, daß Sie irgendjemandem irgend
etwas schuldig sind — — — !“