Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 151 von 152

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Semmering 1912

Sanatorium für Nervenkranke

 

Daß die „Nervenärzte“ nichts verstehen, wäre eine natürliche menschliche

Eigenschaft der meisten Berufsmenschen, wenige Genies ausgenommen. Aber

daß sie ihre schändliche Ignoranz ausnützen auf „suggestivem Wege“, indem sie

die selbstverständlich viel mehr „über ihre eigenen Zustände“ verstehenden

Kranken durch ihren schmählichen Doktortitel, zu ihren „folgsamen kuschenden

Hundesklaven“ machen wollen, das ist eine bodenlose feige Gemeinheit! Eine

Dame z. B. liebt ihre Schwester fanatisch, und ihr sich für sie aufopfernder Gatte

kann gerade diese Schwester und den Fanatismus seiner Frau für dieselbe nicht

ausstehen! Wenn sie ins Zimmer tritt, geht er aus dem Zimmer. Das erzeugt

naturgemäß allmählich Nervenzerstörung. Der liebevolle Gatte schickt sie in ein

„erstes“, d. h. teuerstes Sanatorium. Dort sagt man nicht dem Esel von Gatten

(gibt es überhaupt andere Tiersorten dieser Gattung?!): „Sie müssen mit der

Schwester Ihrer Frau liebenswürdiger umgehen!“ Sondern man verordnet

„Lichtbäder“ mit nachfolgenden kalten Duschen!

Die arme junge Frau klagt dem Arzte: „Mein Mann behandelt meine

zärtlichst und fanatisch geliebte Schwester roh, verständnislos, lieblos vor allem

gegen mich, die angeblich Geliebteste, Verehrteste!?! Ist das seine

Opferfähigkeit?!?“

Der Arzt erwidert: „Nach zwanzig Lichtbädern mit nachfolgenden kalten

Duschen wird sich das alles, alles geben! Sie werden dann die Dinge mit ganz

anderen Augen anschauen — — —!“

„Aber Herr Doktor, die Liebe zu meiner Schwester — — —!“

„Auch das sind nur vorübergehende Exaltationszustände! Glauben Sie es

mir, meine Gnädige, Ihr Fall ist ›typisch‹. Sechs Wochen bei uns, und Ihre

Schwester wird Ihnen gleichgültig werden!“