Semmering 1912
Sanatorium für Nervenkranke
Daß die „Nervenärzte“ nichts verstehen, wäre eine natürliche menschliche
Eigenschaft der meisten Berufsmenschen, wenige Genies ausgenommen. Aber
daß sie ihre schändliche Ignoranz ausnützen auf „suggestivem Wege“, indem sie
die selbstverständlich viel mehr „über ihre eigenen Zustände“ verstehenden
Kranken durch ihren schmählichen Doktortitel, zu ihren „folgsamen kuschenden
Hundesklaven“ machen wollen, das ist eine bodenlose feige Gemeinheit! Eine
Dame z. B. liebt ihre Schwester fanatisch, und ihr sich für sie aufopfernder Gatte
kann gerade diese Schwester und den Fanatismus seiner Frau für dieselbe nicht
ausstehen! Wenn sie ins Zimmer tritt, geht er aus dem Zimmer. Das erzeugt
naturgemäß allmählich Nervenzerstörung. Der liebevolle Gatte schickt sie in ein
„erstes“, d. h. teuerstes Sanatorium. Dort sagt man nicht dem Esel von Gatten
(gibt es überhaupt andere Tiersorten dieser Gattung?!): „Sie müssen mit der
Schwester Ihrer Frau liebenswürdiger umgehen!“ Sondern man verordnet
„Lichtbäder“ mit nachfolgenden kalten Duschen!
Die arme junge Frau klagt dem Arzte: „Mein Mann behandelt meine
zärtlichst und fanatisch geliebte Schwester roh, verständnislos, lieblos vor allem
gegen mich, die angeblich Geliebteste, Verehrteste!?! Ist das seine
Opferfähigkeit?!?“
Der Arzt erwidert: „Nach zwanzig Lichtbädern mit nachfolgenden kalten
Duschen wird sich das alles, alles geben! Sie werden dann die Dinge mit ganz
anderen Augen anschauen — — —!“
„Aber Herr Doktor, die Liebe zu meiner Schwester — — —!“
„Auch das sind nur vorübergehende Exaltationszustände! Glauben Sie es
mir, meine Gnädige, Ihr Fall ist ›typisch‹. Sechs Wochen bei uns, und Ihre
Schwester wird Ihnen gleichgültig werden!“