Semmering 1912

Peter Altenberg · Kapitel 81 von 152

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Semmering 1912

Ein Nachtrag

 

Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas geschrieben

zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein „Torso“. Wenn ich nur

wüßte, was ein Torso ist. Aber viele einsichtsvolle Menschen sagten es mir

direkt ins Gesicht hinein, daß es ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller,

gewesen sei. Nun, infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß

„jemanden wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine fortdauernde Sache

sein könne, sondern eine durch Haß-, Verachtungs- und vor allem

Gleichgültigkeits-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir, sogar

angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen verfügbaren

Sinne sein müsse! Man kann niemanden auf die Dauer gleichmäßig gern haben!

Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade eines Venustempels prangen, in

deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von Vorzugsschülerinnen in

Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will etwas äußerlich, à tout prix (das

ist französisch!) erzwingen, was es in der Welt aber tatsächlich nicht gibt!

Nämlich eine anständige Stetigkeit und Verläßlichkeit der Gefühlswelt, ja sogar

der Sinnenwelt, was eine noch entsetzlichere Stupidität ist! Die „Mehrheit“ will

uns eben blöde machen! Strindberg ist tot, Ibsen, Björnson, Tolstoi. Ja, da

müssen wir Flöhe uns halt aufraffen, und stechen und Blut saugen, wo und wie

wir nur es können! Wir können auch verwunden, ohne Genies zu sein! Wir

haben den gesunden Menschenverstand! Das ist auch eine Waffe, wenn auch

eine zartere, liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens

doch nur Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr Glücklichen, ihr wart

niemals auch nur eine Stunde lang wirklich glücklich! Geschäfte habt ihr

gemacht und Bilanzen berechnet! Ihr „Aktiven“ seid ewig „passiv“ gewesen!