Semmering 1912
Ein Nachtrag
Ich habe letztes Mal, wahrscheinlich vor einigen Jahren, etwas geschrieben
zur „Psychologie der bürgerlichen Liebe“. Es war ein „Torso“. Wenn ich nur
wüßte, was ein Torso ist. Aber viele einsichtsvolle Menschen sagten es mir
direkt ins Gesicht hinein, daß es ein „Torso“, wenn auch ein sehr wertvoller,
gewesen sei. Nun, infolgedessen muß ich die Nachtragsbemerkung machen, daß
„jemanden wirklich zärtlich lieb haben“, unmöglich eine fortdauernde Sache
sein könne, sondern eine durch Haß-, Verachtungs- und vor allem
Gleichgültigkeits-Stadien (Stadien ist gut!) unterbrochene, sagen wir, sogar
angenehm unterbrochene Angelegenheit der Seele und der übrigen verfügbaren
Sinne sein müsse! Man kann niemanden auf die Dauer gleichmäßig gern haben!
Das sollte in goldenen Lettern auf der Fassade eines Venustempels prangen, in
deutlicher Adolf-Loos-Schrift, so wie von Vorzugsschülerinnen in
Schreibheften! Die bürgerliche Gesellschaft will etwas äußerlich, à tout prix (das
ist französisch!) erzwingen, was es in der Welt aber tatsächlich nicht gibt!
Nämlich eine anständige Stetigkeit und Verläßlichkeit der Gefühlswelt, ja sogar
der Sinnenwelt, was eine noch entsetzlichere Stupidität ist! Die „Mehrheit“ will
uns eben blöde machen! Strindberg ist tot, Ibsen, Björnson, Tolstoi. Ja, da
müssen wir Flöhe uns halt aufraffen, und stechen und Blut saugen, wo und wie
wir nur es können! Wir können auch verwunden, ohne Genies zu sein! Wir
haben den gesunden Menschenverstand! Das ist auch eine Waffe, wenn auch
eine zartere, liebenswürdigere als die Maximkanonen der Genies, die meistens
doch nur Idioten waren! Und ich sage euch daher, ihr Glücklichen, ihr wart
niemals auch nur eine Stunde lang wirklich glücklich! Geschäfte habt ihr
gemacht und Bilanzen berechnet! Ihr „Aktiven“ seid ewig „passiv“ gewesen!