Kleine Dichtungen
Brief eines Dichters an einen Herrn
Auf Ihren Brief, hochverehrter Herr, den ich heute abend auf dem Tisch fand,
und worin Sie mich ersuchen, Ihnen Zeit und Ort anzugeben, wo Sie mich
kennen lernen könnten, muß ich Ihnen antworten, daß ich nicht recht weiß, was
ich Ihnen sagen soll. Einiges und anderes Bedenken steigt in mir auf, denn ich
bin ein Mensch, müssen Sie wissen, der nicht lohnt, kennen gelernt zu werden.
Ich bin außerordentlich unhöflich, und an Manieren besitze ich so gut wie nichts.
Ihnen Gelegenheit geben, mich zu sehen, hieße, Sie mit einem Menschen
bekannt machen, der seinen Filzhüten den Rand mit der Schere halb abschneidet,
um ihnen ein wüsteres Aussehen zu verleihen. Möchten Sie einen solchen
Sonderling vor Augen haben? Ihr liebenswürdiger Brief hat mich sehr gefreut.
Doch Sie irren sich in der Adresse. Ich bin Der nicht, der verdient, solcherlei
Höflichkeiten zu empfangen. Ich bitte Sie: Stehen Sie sogleich ab von dem
Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen. Artigkeit steht mir schlecht zu
Gesicht. Ich müßte Ihnen gegenüber die notwendige Artigkeit hervorkehren; und
das eben möchte ich vermeiden, da ich weiß, daß artiges und manierliches
Betragen mich nicht kleidet. Auch bin ich nicht gern artig; es langweilt mich. Ich
vermute, daß Sie eine Frau haben, daß Ihre Frau elegant ist, und daß bei Ihnen so
etwas wie ein Salon ist. Wer sich so feiner und schöner Ausdrücke bedient wie
Sie, hat einen Salon. Ich aber bin nur Mensch auf der Straße, in Wald und Feld,
im Wirtshaus und in meinem eigenen Zimmer; in irgend jemandes Salon stünde
ich da wie ein Erztölpel. Ich bin noch nie in einem Salon gewesen, ich fürchte
mich davor; und als Mann von gesunder Vernunft muß ich meiden, was mich
ängstigt. Sie sehen, ich bin offenherzig. Sie sind wahrscheinlich ein
wohlhabender Mann und lassen wohlhabende Worte fallen. Ich dagegen bin arm,
und alles, was ich spreche, klingt nach Ärmlichkeit. Entweder würden Sie mich
mit Ihrem Hergebrachten oder ich würde mit meinem Hergebrachten Sie
verstimmen. Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie aufrichtig ich den
Stand, in welchem ich lebe, bevorzuge und liebe. So arm ich bin, ist es mir doch
bis heute noch nie eingefallen, mich zu beklagen; im Gegenteil: ich schätze, was
mich umgibt, so hoch, daß ich stets eifrig bemüht bin, es zu hüten. Ich wohne in einem wüsten, alten Haus, in einer Art von Ruine. Doch das macht mich
glücklich. Der Anblick armer Leute und armseliger Häuser macht mich
glücklich; so sehr ich auch denke, wie wenig Grund Sie haben, dies zu begreifen.
Ein bestimmtes Gewicht und eine gewisse Menge von Verwahrlosung, von
Verlotterung und von Zerrissenheit muß um mich sein: sonst ist mir das Atmen
eine Pein. Das Leben würde mir zur Qual, wenn ich fein, vortrefflich und elegant
sein sollte. Die Eleganz ist mein Feind, und ich will lieber versuchen, drei Tage
lang nichts zu essen als mich in die gewagte Unternehmung verstricken, eine
Verbeugung zu machen. Verehrter Herr, so spricht nicht der Stolz, sondern der
ausgesprochene Sinn für Harmonie und Bequemlichkeit. Warum sollte ich sein,
was ich nicht bin, und nicht sein, was ich bin? Das wäre eine Dummheit. Wenn
ich bin, was ich bin, bin ich mit mir zufrieden; und dann tönt alles, ist alles gut
um mich. Sehen Sie, es ist so: schon ein neuer Anzug macht mich ganz
unzufrieden und unglücklich; woraus ich entnehme, wie ich alles, was schön,
neu und fein ist, hasse und wie ich alles, was alt, verschabt und verbraucht ist,
liebe. Ich liebe Ungeziefer nicht gerade; ich möchte Ungeziefer nicht geradezu
essen, aber Ungeziefer stört mich nicht. In dem Haus, in welchem ich wohne,
wimmelt es von Ungeziefer: und doch wohne ich gern in dem Haus. Das Haus
sieht aus wie ein Räuberhaus, zum ans Herz drücken. Wenn alles neu und
ordentlich ist in der Welt, dann will ich nicht mehr leben, dann morde ich mich.
Ich fürchte also quasi etwas, wenn ich denken soll, ich solle mit einem
vornehmen und gebildeten Menschen bekannt werden. Wenn ich befürchte, daß
ich Sie nur störe und keine Förderlichkeit und Erquicklichkeit für Sie bedeute, so
ist die andere Befürchtung ebenso lebendig in mir, nämlich die (um ganz und gar
offen zu reden), daß auch Sie mich stören und mir nicht erquicklich und
erfreulich sein könnten. Es ist eine Seele in eines jeden Menschen Zustand; und
Sie müssen unbedingt erfahren, und ich muß Ihnen das unbedingt mitteilen: ich
schätze hoch, was ich bin, so karg und ärmlich es ist. Ich halte allen Neid für
eine Dummheit. Der Neid ist eine Art Irrsinn. Respektiere jeder die Lage, in der
er ist: so ist jedem gedient. Ich fürchte auch den Einfluß, den Sie auf mich
ausüben könnten; das heißt: ich fürchte mich vor der überflüssigen innerlichen
Arbeit, die getan werden müßte, mich Ihres Einflusses zu erwehren. Und deshalb
renne ich nicht nach Bekanntschaften, kann nicht danach rennen. Jemand Neues
kennen lernen: Das ist zum mindesten stets ein Stück Arbeit, und ich habe mir
bereits erlaubt, Ihnen zu sagen, daß ich die Bequemlichkeit liebe. Was werden
Sie denken von mir? Doch das muß mir gleichgültig sein. Ich will, daß mir das
gleichgültig sei. Ich will Sie auch nicht um Verzeihung wegen dieser Sprache
bitten. Das wäre Phrase. Man ist immer unartig, wenn man die Wahrheit sagt.
Ich liebe die Sterne, und der Mond ist mein heimlicher Freund. Über mir ist der Himmel. Solange ich lebe, werde ich nie verlernen, zu ihm hinaufzuschauen. Ich
stehe auf der Erde: Dies ist mein Standpunkt. Die Stunden scherzen mit mir, und
ich scherze mit ihnen. Ich vermag mir keine köstlichere Unterhaltung zu denken.
Tag und Nacht sind meine Gesellschaft. Ich stehe auf vertrautem Fuß mit dem
Abend und mit dem Morgen. Und hiermit grüßt Sie freundlich
der arme junge Dichter.