Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 55 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Millionärin

 

In ihrer fünfzimmerigen Wohnung wohnte ganz allein eine reiche Dame. Ich

sage da Dame, aber die Frau verdiente nicht, Dame genannt zu werden, die

Arme. Sie lief unordentlich daher, und die Nachbarsleute titulierten sie Hexe und

Zigeunerin. Ihre eigene Person erschien ihr wertlos, am Leben hatte sie keine

Freude. Sie kämmte und wusch sich oft nicht einmal, und dazu trug sie alte und

schlechte Kleider, so sehr gefiel sie sich in der Vernachlässigung ihrer selber.

Reich war sie, wie eine Fürstin hätte sie leben können, aber sie hatte keinen Sinn

für den Luxus und auch keine Zeit dazu. Reich, wie sie war, war sie die Ärmste.

Ganz allein mußte sie ihre Tage und ihre Abende zubringen. Kein Mensch, außer

etwa der Emma, ihrem ehemaligen Dienstmädchen, leistete ihr Gesellschaft. Mit

allen ihren Verwandten war sie verfeindet. Etwa noch Frau Polizeirat Stumpfnas

besuchte sie zuweilen, sonst niemand. Die Leute hatten einen Abscheu vor ihr,

weil sie wie eine Bettlerin daherkam, sie nannten sie eine Geizhalsin, und

freilich war sie geizig. Der Geiz war ihr zur Leidenschaft geworden. Sie hatte

kein Kind. So war der Geiz ihr Kind. Der Geiz ist kein schönes, kein liebes

Kind. Wahrhaftig nicht. Aber irgend etwas muß der Mensch haben zum Herzen

und Liebkosen. Die arme reiche Dame mußte oft in der stillen Nacht, wenn sie

so allein saß im freudelosen Zimmer, in ihr Taschentuch weinen. Die Tränen, die

sie weinte, meinten es noch am ehrlichsten mit ihr. Sonst wurde sie nur gehaßt

und betrogen. Der Schmerz, den sie in der Seele fühlte, war der einzige

aufrichtige Freund, den sie hatte. Sonst hatte sie weder Freund noch Freundin,

noch Sohn, noch Tochter. Sie sehnte sich umsonst nach einem Sohne, der sie

kindlich würde getröstet haben. Ihr Wohnzimmer war kein Wohnzimmer,

sondern ein Bureau, überladen mit Geschäftspapieren, und in ihrem

Schlafzimmer stand der gold- und juwelengefüllte eiserne Kassenschrank.

Wahrlich: ein unheimliches, ein trauriges Schlafzimmer für eine Frau. Ich lernte

diese Frau kennen, und sie interessierte mich lebhaft. Ich erzählte ihr mein

Leben, und sie erzählte mir das ihrige. Bald darauf starb sie. Sie hinterließ

mehrere Millionen. Die Erben kamen und warfen sich über die Erbschaft. Arme

Millionärin! In der Stadt, wo sie lebte, sind viele, viele arme kleine Kinder, die nicht einmal genügend zu essen haben. In was für einer sonderbaren Welt leben

wir?