Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 22 von 126

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Kleine Dichtungen

Rinaldini

 

Über Paganini habe ich bereits geschrieben. So will ich mir denn heute die

Freiheit nehmen und einen geeigneten Aufsatz schreiben über Rinaldini. Das

Aufsatzschreiben und Essayieren ist gegenwärtig in großem Schwang und

erfreut sich einer weitverbreiteten Beliebtheit. Rinaldini, dem vorliegender Essay

gilt, war ein bedeutender Mann und ein großer Räuber. Andere Leute waren groß

als Künstler, er aber war ein Künstler im Rauben und Morden, und groß war er

als der prädestinierte Hauptmann seiner Rotte oder Bande, die er zum Schrecken

des friedlichen Teiles der Einwohnerschaft befehligte. Groß von Gestalt, kühn

von Charakter und grausam von Sinnesart, schwang er sich gleichsam mit

leichter Mühe zum Herrn der Berge und der Wälder hinauf, und wer sein Feind

war, lebte keine vierundzwanzig Stunden länger. Rinaldini teilte mit andern

Mordbrennern und Mordbuben, von denen die Chronik berichtet, die edle

Eigenschaft, daß er das Kapital und den feigen Geldsack haßte, daß er dagegen

die armen Leute schonte. Wer irgendwie unterdrückt war, dem war er ein

Freund; wer dagegen auf den Vorteilen und auf den Wertpapieren trotzte und

protzte, dem spaltete er den Schädel, daß es eine Lust war. Die Regierung setzte

einen hohen Preis auf seinen Kopf; er jedoch, als der freie Gewalt- und

Renaissancemensch, der er war, trug ebendenselben Kopf hoch und lachte über

die Maßnahmen derer, die ihn fürchteten. Seine Geliebte hieß Rosa, und sie war

sein Alles. Wo Rosa war, war auch er, und wo sie nicht mehr war, war auch er

nicht mehr. Sie war sein Herz, seine Seele. Sie war seine Mordlust. Ihr trug er,

was er raubte, zu den Füßen. Er stattete ihr das Felsengemach, in welchem sie

wohnte, wahrhaft fürstlich aus, bekleidete es mit den kostbarsten Teppichen und

füllte es an mit den zierlichsten und edelsten Gegenständen. Er war ihr Löwe, ihr

bis in den Tod treuer Löwe, und sie, sie liebkoste den Löwen, sie liebte ihren

Löwen. Der Jubel, die Freude und die Wonne durchzuckten sie, wenn sie sah,

wie er so grausam morden konnte, und wie er dann bei ihr so sanft, so

schüchtern war. Sie war möglicherweise eine kleine Sadistin, diese Rosa. Doch

zu Rinaldinis Zeiten nahm man dieses Kapitel noch nicht so genau. Herrlich war

sie, wenn sie, angetan mit den schönsten Gewändern und mit schweren, goldenen Ohrringen in den Ohren, vor das Zelt oder vor die Höhle trat, eine

Zigarette zwischen den blendend weißen Zähnen. Stolz wie eine Königin blickte

sie in die Runde, und wer sie so sah, verneigte sich vor ihr. Das taten die Herren

Spitzbuben und Räuber. Sie verehrten sie wie ihre Königin. Rinaldini, der sonst

doch ganz gewiß im höchsten Grade verunglückte Bursche, war glücklich durch

sie, dieser Galgenhalunke. Schließlich, und so wurde er doch aufs Rad

geflochten.