Kleine Dichtungen
Rinaldini
Über Paganini habe ich bereits geschrieben. So will ich mir denn heute die
Freiheit nehmen und einen geeigneten Aufsatz schreiben über Rinaldini. Das
Aufsatzschreiben und Essayieren ist gegenwärtig in großem Schwang und
erfreut sich einer weitverbreiteten Beliebtheit. Rinaldini, dem vorliegender Essay
gilt, war ein bedeutender Mann und ein großer Räuber. Andere Leute waren groß
als Künstler, er aber war ein Künstler im Rauben und Morden, und groß war er
als der prädestinierte Hauptmann seiner Rotte oder Bande, die er zum Schrecken
des friedlichen Teiles der Einwohnerschaft befehligte. Groß von Gestalt, kühn
von Charakter und grausam von Sinnesart, schwang er sich gleichsam mit
leichter Mühe zum Herrn der Berge und der Wälder hinauf, und wer sein Feind
war, lebte keine vierundzwanzig Stunden länger. Rinaldini teilte mit andern
Mordbrennern und Mordbuben, von denen die Chronik berichtet, die edle
Eigenschaft, daß er das Kapital und den feigen Geldsack haßte, daß er dagegen
die armen Leute schonte. Wer irgendwie unterdrückt war, dem war er ein
Freund; wer dagegen auf den Vorteilen und auf den Wertpapieren trotzte und
protzte, dem spaltete er den Schädel, daß es eine Lust war. Die Regierung setzte
einen hohen Preis auf seinen Kopf; er jedoch, als der freie Gewalt- und
Renaissancemensch, der er war, trug ebendenselben Kopf hoch und lachte über
die Maßnahmen derer, die ihn fürchteten. Seine Geliebte hieß Rosa, und sie war
sein Alles. Wo Rosa war, war auch er, und wo sie nicht mehr war, war auch er
nicht mehr. Sie war sein Herz, seine Seele. Sie war seine Mordlust. Ihr trug er,
was er raubte, zu den Füßen. Er stattete ihr das Felsengemach, in welchem sie
wohnte, wahrhaft fürstlich aus, bekleidete es mit den kostbarsten Teppichen und
füllte es an mit den zierlichsten und edelsten Gegenständen. Er war ihr Löwe, ihr
bis in den Tod treuer Löwe, und sie, sie liebkoste den Löwen, sie liebte ihren
Löwen. Der Jubel, die Freude und die Wonne durchzuckten sie, wenn sie sah,
wie er so grausam morden konnte, und wie er dann bei ihr so sanft, so
schüchtern war. Sie war möglicherweise eine kleine Sadistin, diese Rosa. Doch
zu Rinaldinis Zeiten nahm man dieses Kapitel noch nicht so genau. Herrlich war
sie, wenn sie, angetan mit den schönsten Gewändern und mit schweren, goldenen Ohrringen in den Ohren, vor das Zelt oder vor die Höhle trat, eine
Zigarette zwischen den blendend weißen Zähnen. Stolz wie eine Königin blickte
sie in die Runde, und wer sie so sah, verneigte sich vor ihr. Das taten die Herren
Spitzbuben und Räuber. Sie verehrten sie wie ihre Königin. Rinaldini, der sonst
doch ganz gewiß im höchsten Grade verunglückte Bursche, war glücklich durch
sie, dieser Galgenhalunke. Schließlich, und so wurde er doch aufs Rad
geflochten.