Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 82 von 126

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Kleine Dichtungen

Schwärmerei

 

Ob ich mit ihr dann den Berg hinaufgehen werde? Nein, ich glaube, es wird

schöner sein, ins weiche niedere Land hineinzuspazieren mit ihr. Bergsteigen

und Anstrengungen überwinden kann ich, wenn ich allein bin. Mit ihr soll es ein

Lustwandeln sein wie in einem angenehmen, weichen, leichten Garten. Zu

überreden werde ich sie schon wissen. Sie wird schon zu verführen sein. Will ich

sie verführen? Ja! Aber ich will ihr treu sein bis weit, weit hinaus. Treue und

Liebe sollen kein Ende nehmen. Wie ich schwärme! Also leise übers grüne Land

soll es gehen, durch die sanfte und offenherzige Gegend, an den Menschen, an

den Tieren und an den lieben, heimeligen Bauernhäusern vorbei, Bäume stehen

links und rechts neben dem Weg in den Wiesen, und weiße Wolken fliegen oder

liegen am hellblauen Himmel. Alles ist dort grün, weiß und blau, da und dort das

zarte, alte Rot eines Hausdaches, das bis an die Erde herabreicht. Alles hell, alles

freundlich, alles still. Nun und so kommen wir, denke ich mir, in einen dunklen,

grünen Wald, in ein rechtes Kircheninneres von Wald, wo die hohen, schlanken,

zarten Tannen wie Säulen stehen, und wo es kühl ist, daß man leise schauert.

Unsere Schritte sind nicht hörbar auf dem tannenreisbelegten, weichen, braunen

Boden. Wie ein Sinnbild der Treue und des liebevollen Harrens ist der Wald;

bald treten wir aus dem Wald wieder heraus und sehen einen grünen

Wiesenhügel mit gelben, länglichen Kornplätzen. Der Wind streicht liebkosend

über das Korn und macht es wogen wie Wellen. Es ist so warm, und die Farben

sind so süß. Auf dem weißen Weg gehen wir langsam weiter. Jeder Schritt ist ein

Erleben, und in jedem Augenblick liegt es wie ein Ereignis. Verständlich, als

wenn es ein glückliches Lächeln sei, liegt das Leben da und ist das treue, schöne

Land vor unseren Augen ausgebreitet. Da erkühne ich mich, bilde ich mir ein,

des Mädchens zarte Hand leise, leise anzufassen, und nun weiß sie auch schon

alles, alles. Die Herrliche, sie senkt die Augen, und indem sie das tut, bindet sie

mich für immer, schließt sie mich für immer ein in den weichen Kerker. – Ich

bin ihr Gefangener. Ich will reden, doch alle Worte, die mir einfallen, genügen

mir nicht, und so schweige ich. Eine weiße und rote Rose geht neben mir, das ist

sie, sie, deren dunkler, wunderbarer Wunsch nun mein Gesetz, Stern und Regierung ist. Still hat sie gewartet, bis ich käme und sie bäte, Herrscherin zu

sein – – –