Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 87 von 126

PDF-Seiten

Kleine Dichtungen

Abend

 

Ich saß in der Wirtsstube zu den drei Tannen still am Tisch wie ein

schweigender, denkender, nachrechnender Händler und stand jetzt auf und ging

hinaus auf die abendliche Straße, wo der Abendzauber mich mit seinem Dunkel

empfing. Das Wirtshaus liegt zart und nah am Waldberg, über welchem jetzt der

Halbmond herrlich leuchtete. Auf der Dorfstraße war es unsäglich schön. Einige

Helligkeit war am Verschwinden, war noch da, hauchte und schwebte noch da

und dort herum. Doch die Sterne erschienen bereits, zwischen großen, warmen

Wolken, am dunkleren und dunkleren Himmel. Dunkelheit fing mehr und mehr

an zu regieren. Die Leute standen so schön undeutlich da und gingen im Dunkel

so schön warm und sanft dahin. Jemand sagte mir freundlich guten Abend. Es

war ein Mädchen. Ich vermochte in der zaubervollen Dunkelheit rote Wangen

und liebe, helle Augen noch zu unterscheiden. Kinder gingen und spielten über

den weichen Weg. Alles war so still, lautlos, freundlich-nachbarlich, gut und

groß. Ich wünschte, daß die Zeit zwischen Tag und Nacht, die schöne

Zwischenzeit, die liebe, schöne Abendzeit ewig, ewig andauern möchte. Eine

Ewigkeit lang Abend. Weiter ging ich. Es war mir, als gehe und trete ich im

Land der Poesie selber, so hold und wunderbar kam mir die Welt vor in ihrem

zarten Abendmantel. Über allem lag der Schleier der Zartheit und der

Verhaltenheit. Mildes, dunkles, süßes Bangen hielt Schritt mit mir, ging neben

und hinter und vor mir. Da kam ich über die Brücke. Die großen Wolken sanken

hinab in das stille, fließende Wasser und die Sterne zitterten von unten aus dem

Fluß herauf, als sei die Natur verwandelt und die ganze Welt verzaubert. Unten

und oben, das Vordere und das Zurückgesunkene! Wie trunken von all der

Schönheit marschierte ich weiter, ein Glücklicher, ein Berauschter. Ich trank am

Bild und hing am Bild des Abends. Da war grad das Wirtshaus zur Brücke, ich

ging ohne zu denken hinein, es zog mich so, ich hatte so das Bedürfnis, kaum

wußte ich, was ich tat. Als ich wieder draus heraustrat, war es völlige Nacht mit

völlig-göttlich-schöner Finsternis. Überall die Lichter nun in den Fenstern. Ich

machte, daß ich nach Hause kam, es war Zeit. Auf dem Heimweg sah ich noch

eine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern. Die blonden Locken von dem einen Kind gaben einen hellen, frohen Schein im dichten Dunkel, und süß war es für

mich, wie mich der Engel mit kindlich-lieber Stimme grüßte. O wie schön ist ein

Gruß aus Kindermund in dunkler Nacht.