Kleine Dichtungen
Abend
Ich saß in der Wirtsstube zu den drei Tannen still am Tisch wie ein
schweigender, denkender, nachrechnender Händler und stand jetzt auf und ging
hinaus auf die abendliche Straße, wo der Abendzauber mich mit seinem Dunkel
empfing. Das Wirtshaus liegt zart und nah am Waldberg, über welchem jetzt der
Halbmond herrlich leuchtete. Auf der Dorfstraße war es unsäglich schön. Einige
Helligkeit war am Verschwinden, war noch da, hauchte und schwebte noch da
und dort herum. Doch die Sterne erschienen bereits, zwischen großen, warmen
Wolken, am dunkleren und dunkleren Himmel. Dunkelheit fing mehr und mehr
an zu regieren. Die Leute standen so schön undeutlich da und gingen im Dunkel
so schön warm und sanft dahin. Jemand sagte mir freundlich guten Abend. Es
war ein Mädchen. Ich vermochte in der zaubervollen Dunkelheit rote Wangen
und liebe, helle Augen noch zu unterscheiden. Kinder gingen und spielten über
den weichen Weg. Alles war so still, lautlos, freundlich-nachbarlich, gut und
groß. Ich wünschte, daß die Zeit zwischen Tag und Nacht, die schöne
Zwischenzeit, die liebe, schöne Abendzeit ewig, ewig andauern möchte. Eine
Ewigkeit lang Abend. Weiter ging ich. Es war mir, als gehe und trete ich im
Land der Poesie selber, so hold und wunderbar kam mir die Welt vor in ihrem
zarten Abendmantel. Über allem lag der Schleier der Zartheit und der
Verhaltenheit. Mildes, dunkles, süßes Bangen hielt Schritt mit mir, ging neben
und hinter und vor mir. Da kam ich über die Brücke. Die großen Wolken sanken
hinab in das stille, fließende Wasser und die Sterne zitterten von unten aus dem
Fluß herauf, als sei die Natur verwandelt und die ganze Welt verzaubert. Unten
und oben, das Vordere und das Zurückgesunkene! Wie trunken von all der
Schönheit marschierte ich weiter, ein Glücklicher, ein Berauschter. Ich trank am
Bild und hing am Bild des Abends. Da war grad das Wirtshaus zur Brücke, ich
ging ohne zu denken hinein, es zog mich so, ich hatte so das Bedürfnis, kaum
wußte ich, was ich tat. Als ich wieder draus heraustrat, war es völlige Nacht mit
völlig-göttlich-schöner Finsternis. Überall die Lichter nun in den Fenstern. Ich
machte, daß ich nach Hause kam, es war Zeit. Auf dem Heimweg sah ich noch
eine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern. Die blonden Locken von dem einen Kind gaben einen hellen, frohen Schein im dichten Dunkel, und süß war es für
mich, wie mich der Engel mit kindlich-lieber Stimme grüßte. O wie schön ist ein
Gruß aus Kindermund in dunkler Nacht.