Kleine Dichtungen
Der Berg
Ohne dich einer Anstrengung zu unterziehen freilich gelangst du nicht hinauf
auf den schönen Berg. Doch ich bilde mir ein, daß du die Arbeit des Besteigens
nicht scheuen wirst. Heller, warmer, ja sogar heißer, heiterer Sommermorgen,
Sommervormittag ist es, und die Welt, soweit du zu schauen vermagst, besteht
aus einem Meer, aus einem Strom, aus einem Hauch von Blau und Grün.
Oftmals bleibst du eine kleine Weile stehen, um Atem zu schöpfen, dir den
Schweiß vom Kopf abzuwischen, und hinunter in die Tiefe zu blicken. Nun wirst
du mir erlauben, zu denken, du seist oben auf dem grünen, weichen und breiten
Bergrücken glücklich und freudig angekommen, wo dich auch gleich kühle,
reine Bergluft umweht, die du mit Entzücken einatmest, daß dir die Brust und
das Herz sich ausweiten. Göttlich schön mutet dich, lieber Freund, das Stehen
auf der erstiegenen Höhe an, und du bildest dir ein, daß du im Genuß der süßen,
hohen Bergesfreiheit ertrinken müssest. Ganz wie ertrunken im Meer der
köstlichen Luft und im Meer des Bergsteigerglückes kommst du dir vor. Selig
bist du, daß du hinabschauen kannst auf die Welt, die dir wie ein heiteres, reiches
Gemälde zu Füßen liegt, die da unten liegt und tönt und duftet wie ein Lied, wie
ein Gedicht, wie eine Illusion. Langsam gehst du unter Tannenästen und
reizendem Buchengrün, welches dich mit seiner frischen Götterfarbe wie mit
einem Kinderlächeln anlächelt, auf der Weide weiter, liegst vielleicht eine halbe
oder ganze Stunde glückselig und gedankenlos am Boden; erhebst dich wieder
und schreitest weiter durch all die ringsverbreitete süße, heiße Melodie von Blau
und Grün. Das Grün ist so üppig und saftig, daß du meinst, es sei eine Flut, in
welcher du watest, badest, schwelgst. Es ist ein Schwelgen, ein
lustumschlungenes Gehen und Lustwandeln in Arkadien. Griechenland ist nicht
edler und schöner, und Japan mit seinen Fürstengärten kann nicht lust- und
glücküberschütteter sein. Sanft, zart und fern dringt aus der tiefen
Menschenebene das Geräusch des tätigen, täglichen Lebens an dein horchendes
Ohr herauf, indes deine Augen das blendend schöne und liebe Weiß der Wolke
trinken, die wie ein Märchenschiff am blauen Himmel schwimmt. Süßes Girren
und Brausen, Summen und Lüftelispeln, und da stehst du, unter all dem Licht, in all dem Licht, zwischen all den Farben, und schaust hinüber zu den
Nachbarbergen, welche, Traumfiguren ähnlich, still und groß und gedämpft in
die Luft hinaufragen, und du grüßest sie wie Freunde, du bist ihnen Freund, sie
sind es dir. Du bist der Freund der ganzen Welt; ans Herz möchtest du ihr sinken,
der wunderbaren Freundin. Umschlungen hält sie dich und du sie. Du verstehst
sie, liebst sie und sie dich.