Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 81 von 126

PDF-Seiten

Kleine Dichtungen

Der Berg

 

Ohne dich einer Anstrengung zu unterziehen freilich gelangst du nicht hinauf

auf den schönen Berg. Doch ich bilde mir ein, daß du die Arbeit des Besteigens

nicht scheuen wirst. Heller, warmer, ja sogar heißer, heiterer Sommermorgen,

Sommervormittag ist es, und die Welt, soweit du zu schauen vermagst, besteht

aus einem Meer, aus einem Strom, aus einem Hauch von Blau und Grün.

Oftmals bleibst du eine kleine Weile stehen, um Atem zu schöpfen, dir den

Schweiß vom Kopf abzuwischen, und hinunter in die Tiefe zu blicken. Nun wirst

du mir erlauben, zu denken, du seist oben auf dem grünen, weichen und breiten

Bergrücken glücklich und freudig angekommen, wo dich auch gleich kühle,

reine Bergluft umweht, die du mit Entzücken einatmest, daß dir die Brust und

das Herz sich ausweiten. Göttlich schön mutet dich, lieber Freund, das Stehen

auf der erstiegenen Höhe an, und du bildest dir ein, daß du im Genuß der süßen,

hohen Bergesfreiheit ertrinken müssest. Ganz wie ertrunken im Meer der

köstlichen Luft und im Meer des Bergsteigerglückes kommst du dir vor. Selig

bist du, daß du hinabschauen kannst auf die Welt, die dir wie ein heiteres, reiches

Gemälde zu Füßen liegt, die da unten liegt und tönt und duftet wie ein Lied, wie

ein Gedicht, wie eine Illusion. Langsam gehst du unter Tannenästen und

reizendem Buchengrün, welches dich mit seiner frischen Götterfarbe wie mit

einem Kinderlächeln anlächelt, auf der Weide weiter, liegst vielleicht eine halbe

oder ganze Stunde glückselig und gedankenlos am Boden; erhebst dich wieder

und schreitest weiter durch all die ringsverbreitete süße, heiße Melodie von Blau

und Grün. Das Grün ist so üppig und saftig, daß du meinst, es sei eine Flut, in

welcher du watest, badest, schwelgst. Es ist ein Schwelgen, ein

lustumschlungenes Gehen und Lustwandeln in Arkadien. Griechenland ist nicht

edler und schöner, und Japan mit seinen Fürstengärten kann nicht lust- und

glücküberschütteter sein. Sanft, zart und fern dringt aus der tiefen

Menschenebene das Geräusch des tätigen, täglichen Lebens an dein horchendes

Ohr herauf, indes deine Augen das blendend schöne und liebe Weiß der Wolke

trinken, die wie ein Märchenschiff am blauen Himmel schwimmt. Süßes Girren

und Brausen, Summen und Lüftelispeln, und da stehst du, unter all dem Licht, in all dem Licht, zwischen all den Farben, und schaust hinüber zu den

Nachbarbergen, welche, Traumfiguren ähnlich, still und groß und gedämpft in

die Luft hinaufragen, und du grüßest sie wie Freunde, du bist ihnen Freund, sie

sind es dir. Du bist der Freund der ganzen Welt; ans Herz möchtest du ihr sinken,

der wunderbaren Freundin. Umschlungen hält sie dich und du sie. Du verstehst

sie, liebst sie und sie dich.