Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 84 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Einfahrt

 

Lange Jahre war ich fern gewesen vom lieben alten Land, und nun saß ich

mit Landsleuten, mit stillen, bescheidenen Arbeitsleuten zusammen, im

Eisenbahnwagen, der mich schon als solcher in der Seele entzückte. Langsam,

als sei er die Beute einer tiefen Nachdenklichkeit und als sei es ihm ein

Bedürfnis, zögerlich vorzurücken, fuhr der Zug, es war ein Arbeiterzug. Ich war

recht froh, daß es ein so stiller Zug war und daß ich jetzt zusammensaß mit den

ärmlichen, ernsten Leuten aus dem Volk. Es war mir, als lerne ich wieder mein

Volk so recht aus dem Grunde kennen, als fahre ich mit dem Eisenbahnzug in

das Herz des Volkes hinein. Abend wurde es. Auf jeder kleinen, dörflichen

Station hielt der Wagen an, und liebe, brave, arbeitsame Menschen stiegen ein

und aus. Mich beschlich eine wunderbare, angenehme Zärtlichkeit für das Land

und für die Leute. Land und Leute öffneten sich mir so still, so groß. Immer

größer, immer schöner wurde das abendliche Gebirgslandschaftsbild. Eine zarte,

stille Freundschaftsglut bemächtigte sich meines Innern, das mir zu blühen, zu

lachen, zu weinen schien. Ich fühlte, wie ein Glanz mir in die Augen kam. Da

schaute ich immer hinaus in die Landschaft mit ihren phantastisch-steilen,

grünen Höhen und immer fuhr der Zug zart und leise weiter. Ich will die Fahrt

nie, nie vergessen. Göttlich-schön war es, wie ich und die andern Leute so still

hineinfuhren, hineingleiteten in die Berge, welche mir wie Lieder, wie alte

großartige Melodien entgegentönten. Unvergeßlich wird mir das goldig-dunkle

Abendgebirge im Sinne bleiben. Still redeten die Insassen des Wagens

miteinander, Männer, Jünglinge und Frauen. Die Nation trat mir nah; das

Vaterland und sein hoher, goldener Gedanke schwebten mir ums Herz. Lange

Jahre war es immer flach und glatt und öd vor meinem Auge gewesen, daß die

weite, hoffnungsarme Leere mir die Seele verdorren machen wollte. Jetzt ging es

wieder freundlich in die kühne Höhe und sank in reiche, himmlisch-schöne,

gedankenvolle Abgründe hinunter. Eine stille Vaterlandeslust brannte in mir und

eine alte, süße, wundervolle Liebe wurde wieder wach zu meinem Entzücken. O

das war ein schönes Eisenbahnfahren mit mildgesinnten, klugen, ernsten

Landsgenossen in die Umschlungenheit hinein. Es umschlang uns mit Felsen und mit Bergen. Liebe, grüne Täler lachten in der Tiefe und von der Höhe herab

nickte stolz die edle Tanne. Ich sah das Haus an der Halde stehen und Menschen

auf den Wegen gehen, die sich in die Wälder schlängelten. Das Land öffnete die

Arme, und ich, ich sank hinein in die Umarmung und war wieder der Sohn des

Landes und seiner Bürger einer. Allmählich wurde es Nacht.