Kleine Dichtungen
Die Einfahrt
Lange Jahre war ich fern gewesen vom lieben alten Land, und nun saß ich
mit Landsleuten, mit stillen, bescheidenen Arbeitsleuten zusammen, im
Eisenbahnwagen, der mich schon als solcher in der Seele entzückte. Langsam,
als sei er die Beute einer tiefen Nachdenklichkeit und als sei es ihm ein
Bedürfnis, zögerlich vorzurücken, fuhr der Zug, es war ein Arbeiterzug. Ich war
recht froh, daß es ein so stiller Zug war und daß ich jetzt zusammensaß mit den
ärmlichen, ernsten Leuten aus dem Volk. Es war mir, als lerne ich wieder mein
Volk so recht aus dem Grunde kennen, als fahre ich mit dem Eisenbahnzug in
das Herz des Volkes hinein. Abend wurde es. Auf jeder kleinen, dörflichen
Station hielt der Wagen an, und liebe, brave, arbeitsame Menschen stiegen ein
und aus. Mich beschlich eine wunderbare, angenehme Zärtlichkeit für das Land
und für die Leute. Land und Leute öffneten sich mir so still, so groß. Immer
größer, immer schöner wurde das abendliche Gebirgslandschaftsbild. Eine zarte,
stille Freundschaftsglut bemächtigte sich meines Innern, das mir zu blühen, zu
lachen, zu weinen schien. Ich fühlte, wie ein Glanz mir in die Augen kam. Da
schaute ich immer hinaus in die Landschaft mit ihren phantastisch-steilen,
grünen Höhen und immer fuhr der Zug zart und leise weiter. Ich will die Fahrt
nie, nie vergessen. Göttlich-schön war es, wie ich und die andern Leute so still
hineinfuhren, hineingleiteten in die Berge, welche mir wie Lieder, wie alte
großartige Melodien entgegentönten. Unvergeßlich wird mir das goldig-dunkle
Abendgebirge im Sinne bleiben. Still redeten die Insassen des Wagens
miteinander, Männer, Jünglinge und Frauen. Die Nation trat mir nah; das
Vaterland und sein hoher, goldener Gedanke schwebten mir ums Herz. Lange
Jahre war es immer flach und glatt und öd vor meinem Auge gewesen, daß die
weite, hoffnungsarme Leere mir die Seele verdorren machen wollte. Jetzt ging es
wieder freundlich in die kühne Höhe und sank in reiche, himmlisch-schöne,
gedankenvolle Abgründe hinunter. Eine stille Vaterlandeslust brannte in mir und
eine alte, süße, wundervolle Liebe wurde wieder wach zu meinem Entzücken. O
das war ein schönes Eisenbahnfahren mit mildgesinnten, klugen, ernsten
Landsgenossen in die Umschlungenheit hinein. Es umschlang uns mit Felsen und mit Bergen. Liebe, grüne Täler lachten in der Tiefe und von der Höhe herab
nickte stolz die edle Tanne. Ich sah das Haus an der Halde stehen und Menschen
auf den Wegen gehen, die sich in die Wälder schlängelten. Das Land öffnete die
Arme, und ich, ich sank hinein in die Umarmung und war wieder der Sohn des
Landes und seiner Bürger einer. Allmählich wurde es Nacht.