Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 11 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Kuß

 

Was habe ich Merkwürdiges geträumt? Was widerfuhr mir? Welch eine

seltsame Heimsuchung ist gestern nacht, als ich im Schlafe dalag, urplötzlich,

wie aus einem hohen Himmel herab, dem fürchterlichen Blitz ähnlich, über mich

gekommen? Ahnungslos und willenlos und gänzlich bewußtlos, der Sklave des

Schlafes, der mich fesselte und mich in seinen Kerker schloß, lag ich da, ohne

Wehr und ohne Waffen, ohne Voraussetzung und ohne Verantwortung (denn im

Schlaf ist man unverantwortlich), als das Herrliche und Schreckliche, das Große

und Süße, das Liebe und Furchtbare, das Entzückende und Entsetzliche über

mich herfuhr, als wolle es mich mit seinem Druck und Kuß ersticken. Der Schlaf

hat innere Augen, und so muß ich denn gestehen, daß ich mit einer Art von

zweiten und anderen Augen dasjenige sah, was auf mich zustürzte. Ich sah es,

wie es mit Windes- und Blitzesgeschwindigkeit, den unendlichen Raum

zerschneidend, aus der unermeßlichen, gigantenartigen Höhe herabschoß auf

meinen Mund. Ich sah's, und ich war entsetzt, und ich war doch nicht imstande,

mich zu bewegen und mich zu wehren. Auch hörte ich sein Nahen. Ich hörte es.

Ich sah und hörte den niegesehenen, nieerlebten Kuß, der mit Worten nicht zu

beschreiben ist, ganz wie mit Worten, die die Sprache enthält, nicht das Grausen

und das Freuen zu beschreiben ist, welches mich schüttelte. Der Kuß in Träumen

hat nichts gemein mit dem zarten, sanften, beidseitig gewollten und gewünschten

Kuß in der Wirklichkeit. Es war nicht ein Mund, der mich küßte, nein, es war ein

Kuß in der Alleinigkeit und Einzigkeit. Es war ein Kuß, der völlig und einzig nur

Kuß war und weiter nichts. Etwas Unabhängiges, Seelenähnliches,

Gespenstisches war's, und als ich getroffen worden war von dem Verständlichen

und wieder höchst Unverständlichen, zerfloß ich auch schon in solchen

gliederdurchstürmenden, ich möchte sagen, grandiosen Wonnen, wie ich mir

verbiete, es näher zu sagen. Ah, das war ein Kuß, ein Kuß, das! Der Schmerz,

den er mir bereitete, preßte mir einen Schrei des Jammers ab, und gleichzeitig

mit dem Empfang des Kusses und mit seiner himmlischen und höllischen

Wirkung erwachte ich und vermochte mich lang nachher noch immer nicht zu

fassen. Was ist der Mann, der Mensch. Was ist der Kuß, den ich freundlich gebe, am hellen Tag oder bei Mondschein, in der friedlich-glücklichen Liebesnacht,

unter einem Baum oder sonstwo, verglichen mit der Raserei des eingebildet-

aufgezwungenen Kusses, geküßt von den Dämonen.