Kleine Dichtungen
Der Kuß
Was habe ich Merkwürdiges geträumt? Was widerfuhr mir? Welch eine
seltsame Heimsuchung ist gestern nacht, als ich im Schlafe dalag, urplötzlich,
wie aus einem hohen Himmel herab, dem fürchterlichen Blitz ähnlich, über mich
gekommen? Ahnungslos und willenlos und gänzlich bewußtlos, der Sklave des
Schlafes, der mich fesselte und mich in seinen Kerker schloß, lag ich da, ohne
Wehr und ohne Waffen, ohne Voraussetzung und ohne Verantwortung (denn im
Schlaf ist man unverantwortlich), als das Herrliche und Schreckliche, das Große
und Süße, das Liebe und Furchtbare, das Entzückende und Entsetzliche über
mich herfuhr, als wolle es mich mit seinem Druck und Kuß ersticken. Der Schlaf
hat innere Augen, und so muß ich denn gestehen, daß ich mit einer Art von
zweiten und anderen Augen dasjenige sah, was auf mich zustürzte. Ich sah es,
wie es mit Windes- und Blitzesgeschwindigkeit, den unendlichen Raum
zerschneidend, aus der unermeßlichen, gigantenartigen Höhe herabschoß auf
meinen Mund. Ich sah's, und ich war entsetzt, und ich war doch nicht imstande,
mich zu bewegen und mich zu wehren. Auch hörte ich sein Nahen. Ich hörte es.
Ich sah und hörte den niegesehenen, nieerlebten Kuß, der mit Worten nicht zu
beschreiben ist, ganz wie mit Worten, die die Sprache enthält, nicht das Grausen
und das Freuen zu beschreiben ist, welches mich schüttelte. Der Kuß in Träumen
hat nichts gemein mit dem zarten, sanften, beidseitig gewollten und gewünschten
Kuß in der Wirklichkeit. Es war nicht ein Mund, der mich küßte, nein, es war ein
Kuß in der Alleinigkeit und Einzigkeit. Es war ein Kuß, der völlig und einzig nur
Kuß war und weiter nichts. Etwas Unabhängiges, Seelenähnliches,
Gespenstisches war's, und als ich getroffen worden war von dem Verständlichen
und wieder höchst Unverständlichen, zerfloß ich auch schon in solchen
gliederdurchstürmenden, ich möchte sagen, grandiosen Wonnen, wie ich mir
verbiete, es näher zu sagen. Ah, das war ein Kuß, ein Kuß, das! Der Schmerz,
den er mir bereitete, preßte mir einen Schrei des Jammers ab, und gleichzeitig
mit dem Empfang des Kusses und mit seiner himmlischen und höllischen
Wirkung erwachte ich und vermochte mich lang nachher noch immer nicht zu
fassen. Was ist der Mann, der Mensch. Was ist der Kuß, den ich freundlich gebe, am hellen Tag oder bei Mondschein, in der friedlich-glücklichen Liebesnacht,
unter einem Baum oder sonstwo, verglichen mit der Raserei des eingebildet-
aufgezwungenen Kusses, geküßt von den Dämonen.