Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 38 von 126

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Kleine Dichtungen

Das Eisenbahn-Abenteuer

 

Einmal machte ich eine Eisenbahnfahrt, wobei ich ganz allein in einem

Wagenabteil saß wie der gedankenreiche Eremit in seiner schweigsamen,

weltabgelegenen Klause. Auf irgendeiner Station hielt der Zug an, die Türe

wurde mit beamtenhafter Schroffheit aufgerissen, und zu mir hinein in das

sonderbare, auf Rädern gestellte Zimmer stieg eine Frau. Es war mir nicht

anders, als wenn der Sonnenschein ins nächtlich-schwärzliche Kupee einstiege,

so hell mutete mich die liebe frauliche Erscheinung an, die wie auf Besuch zu

mir kam. Freundlich sagte sie guten Abend. Wer als ich war glücklicher darüber?

Der Zug setzte sich alsbald wieder in Bewegung, und hinaus in die Nacht und

ins unbekannte Land wurde die Kammer getragen, in welcher nun zwei Personen

saßen, die sich gegenseitig freundlich anschauten. Ein Lächeln ergab ein Wort

und indes die Räder fleißig fort und fortrasselten, hatte ich wie ein Schelm und

Dieb die passende Gelegenheit wahrgenommen, saß schon an ihrer Seite und

legte den Arm um ihre reizende Figur. Emsig arbeiteten die Räder, und

Gegenden, die ich nicht kannte, flogen draußen in der stillen Mitternacht an uns

beiden glücklichen Leuten vorüber. Emsig arbeitete ich mit meinen Lippen auf

den ihrigen, die köstlich waren, wie Lippen eines Kindes. Ein Kuß lockte den

andern hervor, ein Kuß folgte auf den andern. Ich ließ mir bei dem süßen

Geschäft so recht Zeit, und da wurde ich zum Künstler im Küssen, zum Künstler

in der Liebkosung. O wie die Liebe, die Süße lächelte mit dem schönen Mund

und mit den schönen dunklen Augen, welche, indem sie in die meinigen

schauten, mich küßten. Paradieseslüsternheit lag auf ihren Lippen, und

Paradieseslust glänzte ihr aus den Augen. Ich unterdessen hatte es so recht schön

gelernt, wie man es anstellen muß, um dem Kuß den höchsten Reiz

abzugewinnen und ihm die tiefste Wonne mitzugeben. Unter unserem

lusterfüllten Liebesgemach rasselten immerfort die Räder, und der Zug sauste

durch die Länder, und wir zwei hielten uns umschlungen wie die Seligen in den

überirdischen Gefilden, Wange an Wange gedrückt und Körper an Körper, als

seien wir vorher zwei verschiedene Gedanken gewesen, doch jetzt nur noch ein

einziger. Wie beglückte es mich, daß sich das süße Geschöpf durch das, was ich tat, glücklich fühlte. Ihren wonnigen Liebesdurst zu stillen machte mich zum

Glücklichsten der Sterblichen, machte mich zum Gott. Doch jetzt blieb der

Eisenbahnzug wieder stehen, die reizendste der Frauen stieg aus, während ich

weiterfahren mußte.