Kleine Dichtungen
Das Eisenbahn-Abenteuer
Einmal machte ich eine Eisenbahnfahrt, wobei ich ganz allein in einem
Wagenabteil saß wie der gedankenreiche Eremit in seiner schweigsamen,
weltabgelegenen Klause. Auf irgendeiner Station hielt der Zug an, die Türe
wurde mit beamtenhafter Schroffheit aufgerissen, und zu mir hinein in das
sonderbare, auf Rädern gestellte Zimmer stieg eine Frau. Es war mir nicht
anders, als wenn der Sonnenschein ins nächtlich-schwärzliche Kupee einstiege,
so hell mutete mich die liebe frauliche Erscheinung an, die wie auf Besuch zu
mir kam. Freundlich sagte sie guten Abend. Wer als ich war glücklicher darüber?
Der Zug setzte sich alsbald wieder in Bewegung, und hinaus in die Nacht und
ins unbekannte Land wurde die Kammer getragen, in welcher nun zwei Personen
saßen, die sich gegenseitig freundlich anschauten. Ein Lächeln ergab ein Wort
und indes die Räder fleißig fort und fortrasselten, hatte ich wie ein Schelm und
Dieb die passende Gelegenheit wahrgenommen, saß schon an ihrer Seite und
legte den Arm um ihre reizende Figur. Emsig arbeiteten die Räder, und
Gegenden, die ich nicht kannte, flogen draußen in der stillen Mitternacht an uns
beiden glücklichen Leuten vorüber. Emsig arbeitete ich mit meinen Lippen auf
den ihrigen, die köstlich waren, wie Lippen eines Kindes. Ein Kuß lockte den
andern hervor, ein Kuß folgte auf den andern. Ich ließ mir bei dem süßen
Geschäft so recht Zeit, und da wurde ich zum Künstler im Küssen, zum Künstler
in der Liebkosung. O wie die Liebe, die Süße lächelte mit dem schönen Mund
und mit den schönen dunklen Augen, welche, indem sie in die meinigen
schauten, mich küßten. Paradieseslüsternheit lag auf ihren Lippen, und
Paradieseslust glänzte ihr aus den Augen. Ich unterdessen hatte es so recht schön
gelernt, wie man es anstellen muß, um dem Kuß den höchsten Reiz
abzugewinnen und ihm die tiefste Wonne mitzugeben. Unter unserem
lusterfüllten Liebesgemach rasselten immerfort die Räder, und der Zug sauste
durch die Länder, und wir zwei hielten uns umschlungen wie die Seligen in den
überirdischen Gefilden, Wange an Wange gedrückt und Körper an Körper, als
seien wir vorher zwei verschiedene Gedanken gewesen, doch jetzt nur noch ein
einziger. Wie beglückte es mich, daß sich das süße Geschöpf durch das, was ich tat, glücklich fühlte. Ihren wonnigen Liebesdurst zu stillen machte mich zum
Glücklichsten der Sterblichen, machte mich zum Gott. Doch jetzt blieb der
Eisenbahnzug wieder stehen, die reizendste der Frauen stieg aus, während ich
weiterfahren mußte.