Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 51 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Liebesbrief

 

Ich habe einen kleinen sorgfältigen Streifzug in die Gegend hinaus gemacht,

damit ich dir mitteilen könne, was ich Schönes gesehen habe. Auf dem Weg

hatte ich allerlei Einfälle, doch sie mußten sich alle wieder auf und davon

machen und mußten verschwinden neben dem Gedanken, der sich nur mit dir

beschäftigte, du liebes Mädchen, du süßes, liebes Wesen. In meinen Gedanken

gingest du neben mir und vor mir her. Ich war, indem ich so ging, ganz nur

Denken, ganz nur Sinnen, ganz nur Gedanke, ganz nur treues, zartes Bei-dir-

sein. Lächelst du? Bald sollst du noch mehr über mich zu lächeln haben mit

deinem lieben Mund. Es ist schön für einen Mann, treu an seinem Mädchen zu

hängen und sich zu sehnen mit leiser immerwährender Sehnsucht nach der

Gegenwart der Holden. Ich kam in einen wunderhübschen kleinen Wald hinein,

wo es still und weich und artig war, und wo die goldenen

Vormittagssonnenstrahlen zwischen den Ästen und Stämmen ins grüne

Heiligtum, ins grüne Waldesinnere hereinbrachen. Da ich so bei deinem Bilde

war, kams mich an, die Sonnenstrahlen mit deinem hellen, wogenden Haar zu

vergleichen, und als ich hinauskam aus dem zarten, kühlen, schüchtern-stillen

Waldesdunkel in das helle, blaue, weite Freie, stand ich Wanderer wieder still.

Der Himmel mit seinem sanften, lieben Blau erinnerte mich an deine Augen.

Weiter ging ich, und da stand ich bald vor einem Haus mit Garten, und im

Garten standen die schönsten Blumen, die ihre leichten Köpfchen so zierlich-

schwankend trugen. Da stand dein Köpfchen vor mir mit seiner Stirne, Wangen

und Lippen, und indem ich das Haus betrachtete, das so lieblich nach

Behaglichkeit und Wohnlichkeit duftete, dachte ich, es müsse süß sein, mit dir

zusammen häuslich darin zu hausen. Bald nachher traf ich Äpfel an, die an den

Zweigen eines Apfelbaumes hingen und mich mit ihren roten und gelben Backen

freundlich anlachten. Ich bildete mir ein, dein rundes Gesicht mit seinen roten,

blaßroten Wangen lächele zauberisch aus dem Blätterwerk zu mir herab.

Reizende Illusionen. Ruhig, wie es meine Art ist, und von Träumereien

umfangen, ging ich meinen bescheidenen Weg weiter, der mich hügelabwärts zu

einem blauen, breiten, sonnigen Strome führte. Mit sanfter, wohliger Gewalt floß das schöne Wasser dahin zwischen grünen glücklichen Ländereien. Ich dachte,

wie dein sanftes, zartes Wesen mich mit Gewalt zu dir ziehe und wie ich

glücklich sei darüber. Bist du glücklich? Wenn du es bist, bin ich es auch.