Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 3 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Göttin

 

Ich ging einst, ganz in Gedanken, die elegante Hauptstraße entlang. Viele

Menschen spazierten in derselben. Die Sonne schien so freundlich. Die Bäume

waren grün, der Himmel war blau. Ich weiß nicht mehr genau, ob es Sonntag

war. Ich erinnere mich nur, daß etwas Süßes, etwas Freundliches um mich war.

Doch etwas noch Schöneres sollte folgen, indem sich nämlich vom ungewissen

leichten Himmel herab eine schneeweiße Wolke auf die Straße niedersenkte. Die

Wolke glich einem großen und graziösen Schwan, und auf dem weichen,

weißen, flaumigen Rücken der Wolke saß, in liegender Haltung, den Arm

nachlässig ausgestreckt, voller freundlicher, kindlicher Majestät, eine nackte

Frau. So hatte ich mir stets die Göttinnen aus Griechenland vorgestellt. Die

Göttin lächelte, und alle Menschen, die sie sahen, waren genötigt, mitzulächeln,

bezaubert von der holdseligen Schönheit. O wie ihr Haar in der Sonne

schimmerte! Mit ihren großen blauen gütigen Augen schaute sie die Welt an, die

sie gleichsam mit ihrem hohen kurzen Besuch beehrte. Die Wolke flog auf,

gleich einem Luftschiff, und nach kurzer Zeit war mir und allen andern der

herrliche Anblick wieder entschwunden. Da gingen die Leute ins nächstgelegene

Kaffeehaus und erzählten einander die wunderbare Neuigkeit. Noch schien die

Sonne freundlich, auch ohne Göttin.