Kleine Dichtungen
Die Göttin
Ich ging einst, ganz in Gedanken, die elegante Hauptstraße entlang. Viele
Menschen spazierten in derselben. Die Sonne schien so freundlich. Die Bäume
waren grün, der Himmel war blau. Ich weiß nicht mehr genau, ob es Sonntag
war. Ich erinnere mich nur, daß etwas Süßes, etwas Freundliches um mich war.
Doch etwas noch Schöneres sollte folgen, indem sich nämlich vom ungewissen
leichten Himmel herab eine schneeweiße Wolke auf die Straße niedersenkte. Die
Wolke glich einem großen und graziösen Schwan, und auf dem weichen,
weißen, flaumigen Rücken der Wolke saß, in liegender Haltung, den Arm
nachlässig ausgestreckt, voller freundlicher, kindlicher Majestät, eine nackte
Frau. So hatte ich mir stets die Göttinnen aus Griechenland vorgestellt. Die
Göttin lächelte, und alle Menschen, die sie sahen, waren genötigt, mitzulächeln,
bezaubert von der holdseligen Schönheit. O wie ihr Haar in der Sonne
schimmerte! Mit ihren großen blauen gütigen Augen schaute sie die Welt an, die
sie gleichsam mit ihrem hohen kurzen Besuch beehrte. Die Wolke flog auf,
gleich einem Luftschiff, und nach kurzer Zeit war mir und allen andern der
herrliche Anblick wieder entschwunden. Da gingen die Leute ins nächstgelegene
Kaffeehaus und erzählten einander die wunderbare Neuigkeit. Noch schien die
Sonne freundlich, auch ohne Göttin.