Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 8 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Insel

 

Ein Hochzeitspaar aus Berlin ging auf die Reise. Die Fahrt war lang. Endlich

kamen die beiden jungen Vermählten in einer Stadt an, die war ganz aus roten

ernsten Steinen gebaut, und ein breiter blauer Strom floß daran vorüber. Ein

hoher majestätischer Dom spiegelte sich im Spiegel des Wassers. Doch die Stadt

schien ihnen nicht geschaffen, längeren Aufenthalt zu nehmen, und sie zogen

weiter, und da es regnete, spannten sie einen großen Regenschirm auf und

versteckten sich unter demselben. Sie kamen vor ein altes, in einem weitläufigen

Garten verborgenes Schloß und gingen schüchtern hinein. Eine schöne steinerne

Wendeltreppe, geschaffen wie für einen regierenden Fürsten, führte hinauf ins

erste Stockwerk. Alte dunkle Gemälde hingen an den hohen, schneeweißen

Wänden. Sie klopften an einer schweren alten Türe. »Herein.« Und da saß, in

eine gelehrte geheimnisvolle Arbeit vertieft, ein uraltes Männchen am

Schreibtisch. Die Leute aus Berlin fragten, ob sie im Schloß wohnen könnten, es

gefiel ihnen. Doch es war nichts anzufangen mit dem alten Mann, der nur

schwerfällig den Kopf schüttelte. So zogen sie weiter. Sie kamen in ein

Schneegestöber hinein, arbeiteten sich aber wieder heraus, und so ging es fort

durch Wälder, Dörfer und Städte. Nirgends wollte sich ein passendes

Lustplätzchen ausfindig machen lassen, und in den Hotels waren obendrein noch

die Kellner frech, die Spitzbuben. Sie übernachteten einmal in einem Hotel, wo

es freilich die weichsten und schönsten Roßhaarbetten gab und liebliche

Gardinen vor den Fenstern, aber die Preise, unverschämt teuer, drückten ihnen

beinahe das Herz ab. Bis nach Venedig kamen sie, zu den höhnischen Italienern.

Die Schurken, sie singen Serenaden, pressen aber dafür den Fremden das Geld

mit Hebeln und mit Schrauben ab. Schließlich hatten sie Glück. Sie erblickten

aus der Ferne, mitten in einen anmutigen See gelegt, eine liebliche, hellgrün

schimmernde Insel, auf diese steuerten sie zu, und dort fanden sie es so schön,

daß sie nicht mehr fort konnten. Sie blieben auf der Insel wohnen. Die Insel

glich an landschaftlicher Schönheit einem holden süßen Mädchenlächeln. Dort

logierten sie und waren glücklich.