Kleine Dichtungen
Die Insel
Ein Hochzeitspaar aus Berlin ging auf die Reise. Die Fahrt war lang. Endlich
kamen die beiden jungen Vermählten in einer Stadt an, die war ganz aus roten
ernsten Steinen gebaut, und ein breiter blauer Strom floß daran vorüber. Ein
hoher majestätischer Dom spiegelte sich im Spiegel des Wassers. Doch die Stadt
schien ihnen nicht geschaffen, längeren Aufenthalt zu nehmen, und sie zogen
weiter, und da es regnete, spannten sie einen großen Regenschirm auf und
versteckten sich unter demselben. Sie kamen vor ein altes, in einem weitläufigen
Garten verborgenes Schloß und gingen schüchtern hinein. Eine schöne steinerne
Wendeltreppe, geschaffen wie für einen regierenden Fürsten, führte hinauf ins
erste Stockwerk. Alte dunkle Gemälde hingen an den hohen, schneeweißen
Wänden. Sie klopften an einer schweren alten Türe. »Herein.« Und da saß, in
eine gelehrte geheimnisvolle Arbeit vertieft, ein uraltes Männchen am
Schreibtisch. Die Leute aus Berlin fragten, ob sie im Schloß wohnen könnten, es
gefiel ihnen. Doch es war nichts anzufangen mit dem alten Mann, der nur
schwerfällig den Kopf schüttelte. So zogen sie weiter. Sie kamen in ein
Schneegestöber hinein, arbeiteten sich aber wieder heraus, und so ging es fort
durch Wälder, Dörfer und Städte. Nirgends wollte sich ein passendes
Lustplätzchen ausfindig machen lassen, und in den Hotels waren obendrein noch
die Kellner frech, die Spitzbuben. Sie übernachteten einmal in einem Hotel, wo
es freilich die weichsten und schönsten Roßhaarbetten gab und liebliche
Gardinen vor den Fenstern, aber die Preise, unverschämt teuer, drückten ihnen
beinahe das Herz ab. Bis nach Venedig kamen sie, zu den höhnischen Italienern.
Die Schurken, sie singen Serenaden, pressen aber dafür den Fremden das Geld
mit Hebeln und mit Schrauben ab. Schließlich hatten sie Glück. Sie erblickten
aus der Ferne, mitten in einen anmutigen See gelegt, eine liebliche, hellgrün
schimmernde Insel, auf diese steuerten sie zu, und dort fanden sie es so schön,
daß sie nicht mehr fort konnten. Sie blieben auf der Insel wohnen. Die Insel
glich an landschaftlicher Schönheit einem holden süßen Mädchenlächeln. Dort
logierten sie und waren glücklich.