Kleine Dichtungen
Der Blick
Eines Tages, im Sommer, es war in der Mittagsstunde, und ich ging langsam
nach Hause, um zum Essen zu gehen, begegnete mir in der Gartenstraße des
Villenquartieres, durch welches ich meine Schritte lenkte, in all der Hitze und in
all der Stille, die auf der menschenleeren, hellen, ja, man muß sagen, grellen
Straße herrschte, eine so sonderbare Frau, als je eine vor kürzerer oder längerer
Zeit mir konnte begegnet sein. Müde und matt, so, als sehne sie sich im tiefsten
Innern nach einer Befriedigung und Sättigung, schritt sie auf der andern Seite
der Straße daher und indem sie mir näher kam, entdeckte ich an der edlen
Haltung, die sie nachlässig und fast verächtlich zur Schau trug, eingeborener
Gewohnheit gehorchend, und an den kostbaren Kleidern, daß sie von
vornehmem Stande sein müsse. Sozusagen träge und eine halbe Interessiertheit
ins Auge legend, schaute ich die fremde Dame kühl und ruhig an; sie jedoch
strafte mich, den sie ebenfalls anschaute, mit einem langen und tiefen Blick voll
Stolz und Klage. Es wollte mir später vorkommen, als sei der Blick der schönen,
stolzen, unglücklichen Frau, bevor er mich getroffen habe, in den Himmel
gedrungen und von hoch oben herab auf mich gefallen, und noch heute sehe ich
ihn, dunkelbraun und voll Glut, auf mich gerichtet, den Blick der Frau.