Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 73 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Blick

 

Eines Tages, im Sommer, es war in der Mittagsstunde, und ich ging langsam

nach Hause, um zum Essen zu gehen, begegnete mir in der Gartenstraße des

Villenquartieres, durch welches ich meine Schritte lenkte, in all der Hitze und in

all der Stille, die auf der menschenleeren, hellen, ja, man muß sagen, grellen

Straße herrschte, eine so sonderbare Frau, als je eine vor kürzerer oder längerer

Zeit mir konnte begegnet sein. Müde und matt, so, als sehne sie sich im tiefsten

Innern nach einer Befriedigung und Sättigung, schritt sie auf der andern Seite

der Straße daher und indem sie mir näher kam, entdeckte ich an der edlen

Haltung, die sie nachlässig und fast verächtlich zur Schau trug, eingeborener

Gewohnheit gehorchend, und an den kostbaren Kleidern, daß sie von

vornehmem Stande sein müsse. Sozusagen träge und eine halbe Interessiertheit

ins Auge legend, schaute ich die fremde Dame kühl und ruhig an; sie jedoch

strafte mich, den sie ebenfalls anschaute, mit einem langen und tiefen Blick voll

Stolz und Klage. Es wollte mir später vorkommen, als sei der Blick der schönen,

stolzen, unglücklichen Frau, bevor er mich getroffen habe, in den Himmel

gedrungen und von hoch oben herab auf mich gefallen, und noch heute sehe ich

ihn, dunkelbraun und voll Glut, auf mich gerichtet, den Blick der Frau.