Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 70 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Morgen

 

Gestern bin ich früh aufgestanden. Ich schaute zum Fenster hinaus. In der

Ferne, über dem Waldrücken war der Himmel glühend rot. Es war noch vor

Sonnenaufgang, die Welt war kalt und dunkel. Das Hochgebirge zeichnete sich

mit seinen zackigen Gipfeln herrlich-groß und dunkel im brennenden Morgenrot

ab. Ich zog mich rasch an, und ging hinunter, um in den wundervollen, frischen

Wintermorgen hinauszugehen. Der ganze Himmel war voll rötlichen Gewölkes.

Im Dorf, das nur wenige Schritte von unserer Stadt entfernt ist, war die

glänzende, rosige Straße voll Schulkinder, die eilig zur Schule liefen. Rührend

erschienen mir die zahlreichen jungen Gestalten in ihrer Emsigkeit in dem

goldenen Morgen, der silberig glänzte. Eine seltsame, jugendliche Klarheit

wehte, gleich einem frischen Wind, durch die Gasse. Auch wehte ja der

Morgenwind und einige welke Blätter fingen über die Straße an zu tanzen.

Prächtig schimmerte der Glanz des Göttermorgens durch die Äste der kahlen

Bäume. Ich atmete aus voller Brust die köstliche Luft ein, einige Häuser

schimmerten grünlich, andere strahlten in süßem, reinem Rosarot, und das Grün

der Wiesen war so frisch. Aus der Nacht und ihrem Dunkel war alles hell und

unsäglich freundlich aufgestanden. Die Gesichter der Menschen leuchteten so

morgendlich. Die Augen blitzten und glitzerten, und am Himmel schimmerten

noch die Sterne in überirdischer, verzehrender Schönheit. Überall ein Glanz und

ein Wind. Der Wind fegte daher wie jugendliche Hoffnung, wie neue, nie

empfundene Zuversicht. Alles bewegte sich, die Wäsche flatterte und knatterte,

der Eisenbahnrauch flog auf und verlor sich. Auch ich verlor mich. Ich war wie

verzaubert, wie neu geboren, und voll Entzücken schaute ich zum Morgenrot

hinauf, wo das selige, goldene Gewölke schwamm. In Herrlichkeit und in

Seligkeit zerrinnend löste es sich auf, und da trat die Sonne hervor, der Tag war

da.