Kleine Dichtungen
Der Morgen
Gestern bin ich früh aufgestanden. Ich schaute zum Fenster hinaus. In der
Ferne, über dem Waldrücken war der Himmel glühend rot. Es war noch vor
Sonnenaufgang, die Welt war kalt und dunkel. Das Hochgebirge zeichnete sich
mit seinen zackigen Gipfeln herrlich-groß und dunkel im brennenden Morgenrot
ab. Ich zog mich rasch an, und ging hinunter, um in den wundervollen, frischen
Wintermorgen hinauszugehen. Der ganze Himmel war voll rötlichen Gewölkes.
Im Dorf, das nur wenige Schritte von unserer Stadt entfernt ist, war die
glänzende, rosige Straße voll Schulkinder, die eilig zur Schule liefen. Rührend
erschienen mir die zahlreichen jungen Gestalten in ihrer Emsigkeit in dem
goldenen Morgen, der silberig glänzte. Eine seltsame, jugendliche Klarheit
wehte, gleich einem frischen Wind, durch die Gasse. Auch wehte ja der
Morgenwind und einige welke Blätter fingen über die Straße an zu tanzen.
Prächtig schimmerte der Glanz des Göttermorgens durch die Äste der kahlen
Bäume. Ich atmete aus voller Brust die köstliche Luft ein, einige Häuser
schimmerten grünlich, andere strahlten in süßem, reinem Rosarot, und das Grün
der Wiesen war so frisch. Aus der Nacht und ihrem Dunkel war alles hell und
unsäglich freundlich aufgestanden. Die Gesichter der Menschen leuchteten so
morgendlich. Die Augen blitzten und glitzerten, und am Himmel schimmerten
noch die Sterne in überirdischer, verzehrender Schönheit. Überall ein Glanz und
ein Wind. Der Wind fegte daher wie jugendliche Hoffnung, wie neue, nie
empfundene Zuversicht. Alles bewegte sich, die Wäsche flatterte und knatterte,
der Eisenbahnrauch flog auf und verlor sich. Auch ich verlor mich. Ich war wie
verzaubert, wie neu geboren, und voll Entzücken schaute ich zum Morgenrot
hinauf, wo das selige, goldene Gewölke schwamm. In Herrlichkeit und in
Seligkeit zerrinnend löste es sich auf, und da trat die Sonne hervor, der Tag war
da.