Kleine Dichtungen
Der Schäfer
Es liegt einer in der Sonne, nein, nicht ganz. Er liegt unter einem hohen
Baum, die Beine und faulenzenden Füße an der Sonne und den Kopf, der ein
träumerischer Kopf ist, im Schatten. Er ist ein Schäfer, der da halb in der Sonne
und halb im Schatten liegt; seine Tiere weiden nicht fern von hier, er darf sie
ruhig sich selber überlassen. So liegt er denn da und weiß nicht recht, an was er
denken soll. Er darf an alles denken, und er braucht wieder an nichts zu denken.
Bald denkt er an dies, bald an das, bald an jenes, bald wieder an etwas anderes.
Die Gedanken kommen und gehen, tauchen vor dem Kopf auf und verschwinden
wieder; sie sammeln sich und zerstreuen sich wieder, verbinden sich zu einem
großen Ganzen und lösen sich wieder in kleine Teile auf. Der da liegt, hat Zeit zu
denken, hat Zeit, gedankenlos und arbeitslos zu sein. Arbeit mag schön sein und
nützlich, doch um wie viel, um wie viel schöner ist es, nichts zu tun, den Tag zu
verträumen und zu verfaulenzen, wie er, der da schläft unter dem hohen Baum.
Schläft er? O, von Zeit zu Zeit, bilden wir uns ein, fallen ihm vor Trunkenheit
und Müdigkeit, vor lauter Daseinslust die Augen zu, die Sinne schwinden ihm,
und er schlummert ein in die süße Bewußtlosigkeit. Schlafen ist schön, aber wie
schön ist erst wieder das leise liebe Erwachen, und so schläft er denn bald ein
und bald erwacht er wieder, und so verfließt und vergeht und verweht ihm, den
Winden ähnlich, die über den grünen Plan wegstreichen, die Zauberin Zeit, vier
Uhr, fünf Uhr, sechs und sieben Uhr, bis es allmählich Abend wird und goldenes
angenehmes Dunkel vom Himmel zur Erde herabschwebt. Schäfer, Schläfer, der
du die Zeit verträumst, bist du glücklich? Ja, ganz gewiß, du bist es, du bist
glücklich. Finstere Gedanken kennst du nicht, willst du nicht kennen. Kommt dir
je etwas Unholdes in den Sinn, so legst du dich auf die andere Seite, oder du
greifst nach dem Instrument, das du stets bei dir hast und machst Musik, und
bald umgibt dich wieder sonnenhelle Heiterkeit. Nun, so lassen wir ihn denn
liegen. Es braucht sich niemand um ihn zu bekümmern. Macht er sich doch auch
selbst keinen Kummer.