Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 28 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Schäfer

 

Es liegt einer in der Sonne, nein, nicht ganz. Er liegt unter einem hohen

Baum, die Beine und faulenzenden Füße an der Sonne und den Kopf, der ein

träumerischer Kopf ist, im Schatten. Er ist ein Schäfer, der da halb in der Sonne

und halb im Schatten liegt; seine Tiere weiden nicht fern von hier, er darf sie

ruhig sich selber überlassen. So liegt er denn da und weiß nicht recht, an was er

denken soll. Er darf an alles denken, und er braucht wieder an nichts zu denken.

Bald denkt er an dies, bald an das, bald an jenes, bald wieder an etwas anderes.

Die Gedanken kommen und gehen, tauchen vor dem Kopf auf und verschwinden

wieder; sie sammeln sich und zerstreuen sich wieder, verbinden sich zu einem

großen Ganzen und lösen sich wieder in kleine Teile auf. Der da liegt, hat Zeit zu

denken, hat Zeit, gedankenlos und arbeitslos zu sein. Arbeit mag schön sein und

nützlich, doch um wie viel, um wie viel schöner ist es, nichts zu tun, den Tag zu

verträumen und zu verfaulenzen, wie er, der da schläft unter dem hohen Baum.

Schläft er? O, von Zeit zu Zeit, bilden wir uns ein, fallen ihm vor Trunkenheit

und Müdigkeit, vor lauter Daseinslust die Augen zu, die Sinne schwinden ihm,

und er schlummert ein in die süße Bewußtlosigkeit. Schlafen ist schön, aber wie

schön ist erst wieder das leise liebe Erwachen, und so schläft er denn bald ein

und bald erwacht er wieder, und so verfließt und vergeht und verweht ihm, den

Winden ähnlich, die über den grünen Plan wegstreichen, die Zauberin Zeit, vier

Uhr, fünf Uhr, sechs und sieben Uhr, bis es allmählich Abend wird und goldenes

angenehmes Dunkel vom Himmel zur Erde herabschwebt. Schäfer, Schläfer, der

du die Zeit verträumst, bist du glücklich? Ja, ganz gewiß, du bist es, du bist

glücklich. Finstere Gedanken kennst du nicht, willst du nicht kennen. Kommt dir

je etwas Unholdes in den Sinn, so legst du dich auf die andere Seite, oder du

greifst nach dem Instrument, das du stets bei dir hast und machst Musik, und

bald umgibt dich wieder sonnenhelle Heiterkeit. Nun, so lassen wir ihn denn

liegen. Es braucht sich niemand um ihn zu bekümmern. Macht er sich doch auch

selbst keinen Kummer.