Kleine Dichtungen
Die kleine Schneelandschaft
Gestern haben wir Schnee bekommen, und heute in der Morgenfrühe ging
ich hinaus zur sorgsamen und ruhigen Besichtigung der Schneelandschaft.
Niedlich, wie ein artiges Kätzchen, das sich geputzt hat, liegt jetzt das reiche,
liebliche Land da. Jedes Kind, sollte ich meinen, kann die Schönheit einer
Schneelandschaft im Herzen verstehen, das feine saubere Weiß ist so leicht
verständlich, ist so kindlich. Etwas Engelhaftes liegt jetzt über der Erde, und
eine süße, reizvolle Unschuld liegt weißlich und grünlich ausgebreitet da. Ich
freute mich über meine Aufgabe, über das Amt, über die angenehme Pflicht, die
mir vorschrieb, sorgfältig und aufmerksam Notiz vom Schnee und seinen Reizen
zu nehmen. Wunderbare Feinheit und Schönheit lag darin, daß das Gras so artig
und mit so zarten Spitzen aus der Schneefläche herausschaute. Ich ging wieder
zu meinem alten unverwüstlichen, gütigen Zauberer, zum Wald, und zum Wald
wie im Traum wieder hinaus, und da lag es da, das Kinderland in seiner
Kinderfarbe. Die Bäumchen und Bäume schienen einen graziösen Tanz auf dem
weißen Felde aufzuführen, und die Häuser hatten weiße Mützen, Kappen,
Kopfbedeckungen oder Dächer. Es sah so appetitlich, so lockig, so lustig und so
lieb aus, ganz wie das zarte, süße Kunstwerk eines geschickten Zuckerbäckers.
Noch ein Morgenlicht leuchtete in einem Fenster, und ein anmutig Haus stand in
einiger Entfernung, das hatte Fenster wie Augen, welche fröhlich und listig
blinzelten. Das Haus war wie ein Gesicht, und die fünf grünen Fenster waren
wie seine Augen. Geh doch hin, lieber Leser, noch steht das zauberische
Landbild da, mit Schnee auf seinem lieblichen Antlitz. Man darf nur nie zu träge
sein und sich vor ein paar hundert Schritten nicht fürchten, zeitig aus dem
Faulenzerbett aufstehen, sich auf die Glieder stellen und nur ein wenig
hinauswandern, so sieht sich das Auge satt, und das freiheitsbedürftige Herz
kann aufatmen. Geh hin zu der artigen Schneelandschaft, welche dich wie mit
einem schönen freundschaftlichen Munde anlächelt. Lächle auch du sie an und
grüße sie von mir.