Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 36 von 126

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Kleine Dichtungen

Die kleine Schneelandschaft

 

Gestern haben wir Schnee bekommen, und heute in der Morgenfrühe ging

ich hinaus zur sorgsamen und ruhigen Besichtigung der Schneelandschaft.

Niedlich, wie ein artiges Kätzchen, das sich geputzt hat, liegt jetzt das reiche,

liebliche Land da. Jedes Kind, sollte ich meinen, kann die Schönheit einer

Schneelandschaft im Herzen verstehen, das feine saubere Weiß ist so leicht

verständlich, ist so kindlich. Etwas Engelhaftes liegt jetzt über der Erde, und

eine süße, reizvolle Unschuld liegt weißlich und grünlich ausgebreitet da. Ich

freute mich über meine Aufgabe, über das Amt, über die angenehme Pflicht, die

mir vorschrieb, sorgfältig und aufmerksam Notiz vom Schnee und seinen Reizen

zu nehmen. Wunderbare Feinheit und Schönheit lag darin, daß das Gras so artig

und mit so zarten Spitzen aus der Schneefläche herausschaute. Ich ging wieder

zu meinem alten unverwüstlichen, gütigen Zauberer, zum Wald, und zum Wald

wie im Traum wieder hinaus, und da lag es da, das Kinderland in seiner

Kinderfarbe. Die Bäumchen und Bäume schienen einen graziösen Tanz auf dem

weißen Felde aufzuführen, und die Häuser hatten weiße Mützen, Kappen,

Kopfbedeckungen oder Dächer. Es sah so appetitlich, so lockig, so lustig und so

lieb aus, ganz wie das zarte, süße Kunstwerk eines geschickten Zuckerbäckers.

Noch ein Morgenlicht leuchtete in einem Fenster, und ein anmutig Haus stand in

einiger Entfernung, das hatte Fenster wie Augen, welche fröhlich und listig

blinzelten. Das Haus war wie ein Gesicht, und die fünf grünen Fenster waren

wie seine Augen. Geh doch hin, lieber Leser, noch steht das zauberische

Landbild da, mit Schnee auf seinem lieblichen Antlitz. Man darf nur nie zu träge

sein und sich vor ein paar hundert Schritten nicht fürchten, zeitig aus dem

Faulenzerbett aufstehen, sich auf die Glieder stellen und nur ein wenig

hinauswandern, so sieht sich das Auge satt, und das freiheitsbedürftige Herz

kann aufatmen. Geh hin zu der artigen Schneelandschaft, welche dich wie mit

einem schönen freundschaftlichen Munde anlächelt. Lächle auch du sie an und

grüße sie von mir.