Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 48 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Träumer

 

Es lag einer im Grase auf einem kleinen Abhang am Waldesrande. Vor ihm

lag eine gemähte Wiese und hinter ihm standen ernste alte Tannen wie treue

Schützer und Wächter. Vormittag war's, und eine freundliche milde Sonne

schaute aus weißlichem Gewölk warm auf den Faulpelz herab, der die trägen

Glieder so lang als er konnte auf dem weichen Boden ausstreckte. Über seine

Beine, seinen Rücken und sein Gesicht krochen Ameisen, und Mücken tanzten

um ihn herum. Das plagte und ärgerte ihn aber nicht im geringsten. Er lag da, als

beabsichtige er, den ganzen lieben langen Tag zu verfaulenzen, und in der Tat, er

trug derlei Absichten. Die Welt sah so leicht aus, so bläulich, so sorgenlos.

Höchstens glich ein feiner Dunst am Himmel einer Art von Kummer, aber der

Kummer selber machte sich nicht gar viel Gedanken. Eine Beigabe von Ernst

macht die Fröhlichkeit nur fröhlicher, und ein leiser Schmerz versüßt und

verfeinert die Freude, macht sie nur noch freudiger. Unserem Burschen und

Tagedieb zu Häupten hingen ein paar Tannenzapfen und ärmelartige

Tannenzweige, und noch weiter oben, nämlich am Himmel, schwebten weiße

heiße Wolken. Er träumte, der hier lag. Gab es keine Pflichten für den Lümmel?

Ei was, Pflichten! Braucht doch nicht jeder Mensch Pflichten zu haben. Ein

Bach, der zu des Träumers Füßen sich durch das Gras schlängelte, gab artige

glucksende Melodien zum besten. Einmal schaute ein Fuchs aus dem

gegenüberliegenden Waldrand heraus und floh, als der Mensch im Gras sich

regte, in weiten Sätzen hinweg. Das ging so, bis es Nachmittag und Abend

wurde, wo das Abendrot sich zeigte und die Singvögel anfingen wunderbar

wehmütig und süß zu singen. Der Bursche lauschte. Es wollte ihn ein Bangen

besuchen. Ein Weh wollte ihn beschleichen. Aber er war auf den Besuch gefaßt,

und da tat er, als merke er nichts davon. Der Abend mit seinen Tönen und

Farben und Düften sank einer Frau in die Arme. Die Frau war die Nacht, und

diese herrschte nun. Der Bursche blieb aber ganz ruhig liegen. Das Gras war

weich. Es kam ihm wie ein Bett vor, eben recht zum Schlafen. Alles war finster

geworden, und kein Sterbenslaut regte sich mehr. Stille, Stille. Nichts war mehr

zu unterscheiden. O, da schlief der Waldmensch ein, und ungestörter hat nie ein junger oder alter Mensch geschlafen. Schlief fleißig die ganze Nacht durch, und

als er erwachte, war es schöner, heller, gütiger, milder Morgen.