Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 59 von 126

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Kleine Dichtungen

»Geschwister Tanner«

 

Der hinreißende Glanz in den dunklen hauptstädtischen Straßen, die Lichter,

die Menschen, der Bruder. Ich in der Wohnung meines Bruders. Ich werde diese

schlichte Dreizimmerwohnung nie vergessen. Es war mir immer, als sei ein

Himmel in dieser Wohnung mit Sternen, Mond und Wolken. Wunderbare

Romantik, süßes Ahnen! Der Bruder bis in alle Nacht im Theater, wo er die

Dekorationen machte. Um drei und vier Uhr des Morgens kam er heim, und

dann saß ich noch da, bezaubert von all den Gedanken, von all den schönen

Bildern, die mir durch den Kopf gingen; es war, als bedürfe ich keines Schlafes

mehr, als sei das Denken, Dichten und Wachen mein holder, kräftigender Schlaf,

als sei das stundenlange Schreiben am Schreibtisch meine Welt, mein Genuß,

Erholung und Ruhe. Der dunkelfarbige Schreibtisch so altertümlich, als sei er

ein alter Zauberer. Wenn ich seine feingearbeiteten, kleinen Schubladen aufzog,

sprangen, so bildete ich mir ein, Sätze, Worte und Sprüche daraus hervor. Die

schneeweißen Gardinen, das singende Gaslicht, die länglich-dunkle Stube, die

Katze und all die Meeresstille in den langen gedankenreichen Nächten. Von Zeit

zu Zeit ging ich zu den munteren Mädchen in die Mädchenkneipe, das gehört

auch mit dazu. Um nochmals die Katze zu erwähnen: sie setzte sich immer auf

die beiseite gelegten, vollgeschriebenen Papiere und blinzelte mich mit ihren

unergründlich-gelben Augen so eigentümlich an, so fragend. Ihre Gegenwart

glich der Gegenwart einer seltsamen, schweigsamen Fee. Ich habe vielleicht dem

lieben stillen Tier viel zu verdanken. Was kann man wissen? Ich kam mir

überhaupt, je mehr ich vordrang mit Schreiben, wie behütet und wie beschützt

vor von einem gütigen Wesen. Ein sanfter, zarter, großer Schleier wob um mich.

Es sei hier allerdings auch der Likör erwähnt, der auf der Kommode stand. Ich

sprach ihm so viel zu, als ich durfte und konnte. Alles, was mich umgab, wirkte

labend und belebend auf mich. Gewisse Zustände, Verhältnisse, Kreise sind

einmal da, um vielleicht nie mehr wieder zu erscheinen, oder dann erst wieder,

wo man es am allerwenigsten voraussetzt. Sind nicht Voraussetzungen und

Vermutungen unheilig, frech und unzart? Der Dichter muß schweifen, muß sich

mutig verlieren, muß immer alles, alles wieder wagen, muß hoffen, darf, darf nur hoffen. – Ich erinnere mich, daß ich die Niederschrift des Buches mit einem

hoffnungslosen Wortgetändel, mit allerlei gedankenlosem Zeichnen und Krizzeln

begann. – Ich hoffte nie, daß ich je etwas Ernstes, Schönes und Gutes

fertigstellen könnte. – Der bessere Gedanke und damit verbunden der

Schaffensmut tauchte nur langsam, dafür aber eben nur um so geheimnisreicher,

aus den Abgründen der Selbstnichtachtung und des leichtsinnigen Unglaubens

hervor. – Es glich der aufsteigenden Morgensonne. Abend und Morgen,

Vergangenheit und Zukunft und die reizende Gegenwart lagen wie zu meinen

Füßen, das Land wurde dicht vor mir lebendig, und mich dünkte, ich könne das

menschliche Treiben, das ganze Menschenleben mit Händen greifen, so lebhaft

sah ich es. – Ein Bild löste das andere ab, und die Einfälle spielten miteinander

wie glückliche, anmutige, artige Kinder. Voller Entzücken hing ich am

fröhlichen Grundgedanken, und indem ich nur fleißig immer weiter schrieb, fand

sich der Zusammenhang.