Kleine Dichtungen
Der Traum
Ich habe einen traurigen, freudlosen Traum gehabt in der vergangenen Nacht.
Wohl sechsmal erwachte ich davon, aber immer wieder, so, als sollte ich stets
von neuem geprüft werden, fiel ich hinunter in die Gewalt der düsteren
Einbildungen, in die Macht des fieberartigen Traumes. Mir träumte, daß ich in
eine Art von Anstalt und Institut hineingekommen sei, in einen Sonderbund, in
eine verriegelte, unnatürliche Absonderung, welche von höchst kalten und
höchst eigentümlichen Verordnungen regiert wurde. Elend war mir zumute, und
eiskalter Schauder rieselte mir durch die entsetzte, angsterfüllte Seele, die sich
vergeblich sehnte, ein Verständnis zu finden. Alles war mir unverständlich, doch
das Grausamste war, daß sie nur über die Ratlosigkeit und Hilflosigkeit
lächelten, in der sie mich sahen. Nach allen Seiten schaute ich mich mit
flehenden Augen um, damit ich ein freundliches Auge sähe, doch ich sah nur
den offenen mitleidlosen Hohn mich mit seinen Blicken messen. Alle, die da
waren, musterten mich auf so sonderbare Weise, auf so rätselhafte Weise. Meine
Angst vor der ringsum herrschenden Ordnung, deren Wesen mich mit Grauen
erfüllte, wurde von Minute zu Minute größer, und mit ihr vergrößerte sich die
Unfähigkeit, die ich offenbarte, mich in die seltsamen, absonderlichen
Verhältnisse zu schicken. Deutlich erinnere ich mich, wie ich bald zu diesem,
bald zu jenem Beamten in kummervoller, bittender Tonart sagte, daß ich »alles
das«, so drückte ich mich in der höchsten Herzbeklemmung aus, ja ganz und gar
nicht verstehe, und daß man mich doch lieber hinaus in die Welt ziehen lassen
wolle, damit ich meinen Mut und meinen angeborenen Geist wiederfände. Doch
statt mir zu antworten, zuckten sie nur die Achseln, liefen hin und her, zeigten
sich sehr in Anspruch genommen, gaben mir zu verstehen, daß sie keine Zeit
hätten, sich näher mit mir und mit meinem Unglück zu beschäftigen, und ließen
mich in all der unaussprechlichen, fürchterlichen Bestürzung stehen.
Augenscheinlich paßte, paßte ich gar nicht zu ihnen. Warum denn nun war ich zu
ihnen hineingekommen in diese enge und kalte Umgrenzung? Durch viele
Zimmer und Nebenzimmer tastete ich mich; ich schwankte hin und her wie ein
Verlorener. Mir war, als sei ich im Begriff, in dem Meer der Befremdung zu ertrinken. Freundschaft, Liebe und Wärme waren verwandelt in Haß, Verrat und
Tücke, und das Mitempfinden schien gestorben seit tausend Jahren oder schien
in unendliche Entfernungen gestoßen. Eine Klage wagte ich nicht zu äußern. Ich
hatte zu keinem, zu keinem dieser unverständlichen Menschen ein Vertrauen.
Jeder hatte seine strenge, enge, stumpfe, wohlabgemessene Beschäftigung, und
darüber hinaus stierte er wie in eine grenzenlose Leere. Ohne Erbarmen mit sich
selber kannten sie auch kein Erbarmen mit einem andern. Tot, wie sie waren,
setzten sie nur Tote voraus. Endlich erwachte ich aus all dem Hoffnungslosen. O
wie freute ich mich, daß es nur ein Traum war.