Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 45 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Traum

 

Ich habe einen traurigen, freudlosen Traum gehabt in der vergangenen Nacht.

Wohl sechsmal erwachte ich davon, aber immer wieder, so, als sollte ich stets

von neuem geprüft werden, fiel ich hinunter in die Gewalt der düsteren

Einbildungen, in die Macht des fieberartigen Traumes. Mir träumte, daß ich in

eine Art von Anstalt und Institut hineingekommen sei, in einen Sonderbund, in

eine verriegelte, unnatürliche Absonderung, welche von höchst kalten und

höchst eigentümlichen Verordnungen regiert wurde. Elend war mir zumute, und

eiskalter Schauder rieselte mir durch die entsetzte, angsterfüllte Seele, die sich

vergeblich sehnte, ein Verständnis zu finden. Alles war mir unverständlich, doch

das Grausamste war, daß sie nur über die Ratlosigkeit und Hilflosigkeit

lächelten, in der sie mich sahen. Nach allen Seiten schaute ich mich mit

flehenden Augen um, damit ich ein freundliches Auge sähe, doch ich sah nur

den offenen mitleidlosen Hohn mich mit seinen Blicken messen. Alle, die da

waren, musterten mich auf so sonderbare Weise, auf so rätselhafte Weise. Meine

Angst vor der ringsum herrschenden Ordnung, deren Wesen mich mit Grauen

erfüllte, wurde von Minute zu Minute größer, und mit ihr vergrößerte sich die

Unfähigkeit, die ich offenbarte, mich in die seltsamen, absonderlichen

Verhältnisse zu schicken. Deutlich erinnere ich mich, wie ich bald zu diesem,

bald zu jenem Beamten in kummervoller, bittender Tonart sagte, daß ich »alles

das«, so drückte ich mich in der höchsten Herzbeklemmung aus, ja ganz und gar

nicht verstehe, und daß man mich doch lieber hinaus in die Welt ziehen lassen

wolle, damit ich meinen Mut und meinen angeborenen Geist wiederfände. Doch

statt mir zu antworten, zuckten sie nur die Achseln, liefen hin und her, zeigten

sich sehr in Anspruch genommen, gaben mir zu verstehen, daß sie keine Zeit

hätten, sich näher mit mir und mit meinem Unglück zu beschäftigen, und ließen

mich in all der unaussprechlichen, fürchterlichen Bestürzung stehen.

Augenscheinlich paßte, paßte ich gar nicht zu ihnen. Warum denn nun war ich zu

ihnen hineingekommen in diese enge und kalte Umgrenzung? Durch viele

Zimmer und Nebenzimmer tastete ich mich; ich schwankte hin und her wie ein

Verlorener. Mir war, als sei ich im Begriff, in dem Meer der Befremdung zu ertrinken. Freundschaft, Liebe und Wärme waren verwandelt in Haß, Verrat und

Tücke, und das Mitempfinden schien gestorben seit tausend Jahren oder schien

in unendliche Entfernungen gestoßen. Eine Klage wagte ich nicht zu äußern. Ich

hatte zu keinem, zu keinem dieser unverständlichen Menschen ein Vertrauen.

Jeder hatte seine strenge, enge, stumpfe, wohlabgemessene Beschäftigung, und

darüber hinaus stierte er wie in eine grenzenlose Leere. Ohne Erbarmen mit sich

selber kannten sie auch kein Erbarmen mit einem andern. Tot, wie sie waren,

setzten sie nur Tote voraus. Endlich erwachte ich aus all dem Hoffnungslosen. O

wie freute ich mich, daß es nur ein Traum war.