Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 83 von 126

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Kleine Dichtungen

Oskar

 

Sehr früh schon fing er dieses sonderbare Treiben an, daß er auf die Seite

ging und ein so ausdrückliches Gefallen am Alleinsein fand. Er erinnerte sich in

späteren Jahren deutlich, daß niemand ihn auf solche Dinge aufmerksam machte.

Ganz von allein kam es und war es da, das seltsame Bedürfnis, einsam und

abgelegen zu sein. Ganz allein aus sich selber holte er den Gedanken, daß es

schön sei, sich zu verschließen, um so wieder frische Lust zu gewinnen, und

neue Sehnsucht zu empfinden, offen zu sein, und harmlos unter die Menschen zu

treten. Es war eine Art Rechnung, die er machte, eine Art Aufgabe, die er sich

stellte. In ein armseliges, halbzerstörtes Haus an der Bergstraße war er gezogen;

hier bewohnte er ein dürftiges, kleines Zimmer, welches ausgestattet und

ausstaffiert war mit einem bemerkenswerten Mangel an Mobiliar. Einheizen ließ

er nicht, obgleich es Winter war. Er wollte es nicht behaglich haben. – Rauh und

unwirklich und schlecht sollte es rings um ihn sein. Ausharren und etwas

ertragen wollte er. Er befahl sich das. Und auch das hatte ihm niemand gesagt.

Er ganz allein war auf die Idee gekommen, die ihm sagte, daß es für ihn gut sei,

wenn er sich befehle, Unannehmlichkeiten und Unholdheiten freundlich und

gutmütig zu ertragen. Er nahm sich wie in eine Art von hoher Schule. Er ging da,

gleich einem absonderlichen, wilden Studenten, in die Hochschule. Es galt für

ihn, die Beobachtung zu machen, wie weit er sich erkühnen dürfe, es zu treiben,

wie viel er imstande sei, zu wagen. Bisweilen kam das Bangen zu ihm ins

Zimmer und streifte ihn mit dem kalten Flor des Verzagens. Aber er war einmal

hineingetreten in das Wagnis, absonderlich zu sein, und es mußte so

weitergehen, fast ohne daß er es wollte. Wer in die Seltsamkeiten

hineingegangen ist, den nehmen sie und führen ihn mit regierenden Händen

weiter, reißen ihn fort, lassen ihn nicht wieder los. Einsam verbrachte er die Tage

und die Nächte. Zwei kleine Kinder lagen im anderen Zimmer, hart an der Wand.

Er hörte sie vielmal kläglich weinen. Ganze lange dunkle Nächte lag er schlaflos

da, als sei der Schlaf sein Feind, fürchte und fliehe ihn, und als sei das

Wachbleiben sein guter Kamerad, der sich nicht von ihm zu trennen vermöge.

Täglich machte er denselben Gang durch die winterlich gefrorenen Wiesen, wobei es ihm war, als befinde er sich auf tagelanger Wanderung durch fremde,

unbekannte Gegenden. Ein Tag glich dem andern. Kein junger Mensch würde

dieses Leben haben schön finden können. Er aber wollte es einmal so; er befahl

sich, daß er diese Lebensweise schön finde. Da er Reize sehen wollte, sah er sie

auch, da er die Tiefe suchte, fand er sie, da er Not kennen lernen wollte, gab sie

sich ihm zu erkennen. Freudig und stolz ertrug er alle sogenannte Langeweile.

Das Einerlei und die eine und selbe Farbe waren ihm schön, und der eine Ton

war sein Leben. Er wollte nichts wissen von Langeweile. Es gab keine für ihn.

So regierte er sich. So lebte er. Er verkehrte wie mit sinnlich-körperlichen Wesen

mit den stillen Frauen, den Stunden. Sie kamen und gingen, und Oskar, so hieß

er, verlor nie die Geduld. Ungeduld bedeutete Tod für ihn. Ausdauer, in die er

sich mit freiem Willen wohllüstig senkte, war sein menschlich Leben. Süß wie

Rosenduft umstrickte und umduftete ihn der Gedanke, daß er arm sei. Er gehörte

mit Leib und Seele und mit allen seinen Gedanken und Gefühlen und mit dem

ganzen Herzen zu den Armen. Er liebte die versteckten Wege zwischen den

hohen Hecken, und die Abende waren seine Freunde. Keinen höheren Genuß

kannte er, als den Genuß von Tag und Nacht.