Kleine Dichtungen
Oskar
Sehr früh schon fing er dieses sonderbare Treiben an, daß er auf die Seite
ging und ein so ausdrückliches Gefallen am Alleinsein fand. Er erinnerte sich in
späteren Jahren deutlich, daß niemand ihn auf solche Dinge aufmerksam machte.
Ganz von allein kam es und war es da, das seltsame Bedürfnis, einsam und
abgelegen zu sein. Ganz allein aus sich selber holte er den Gedanken, daß es
schön sei, sich zu verschließen, um so wieder frische Lust zu gewinnen, und
neue Sehnsucht zu empfinden, offen zu sein, und harmlos unter die Menschen zu
treten. Es war eine Art Rechnung, die er machte, eine Art Aufgabe, die er sich
stellte. In ein armseliges, halbzerstörtes Haus an der Bergstraße war er gezogen;
hier bewohnte er ein dürftiges, kleines Zimmer, welches ausgestattet und
ausstaffiert war mit einem bemerkenswerten Mangel an Mobiliar. Einheizen ließ
er nicht, obgleich es Winter war. Er wollte es nicht behaglich haben. – Rauh und
unwirklich und schlecht sollte es rings um ihn sein. Ausharren und etwas
ertragen wollte er. Er befahl sich das. Und auch das hatte ihm niemand gesagt.
Er ganz allein war auf die Idee gekommen, die ihm sagte, daß es für ihn gut sei,
wenn er sich befehle, Unannehmlichkeiten und Unholdheiten freundlich und
gutmütig zu ertragen. Er nahm sich wie in eine Art von hoher Schule. Er ging da,
gleich einem absonderlichen, wilden Studenten, in die Hochschule. Es galt für
ihn, die Beobachtung zu machen, wie weit er sich erkühnen dürfe, es zu treiben,
wie viel er imstande sei, zu wagen. Bisweilen kam das Bangen zu ihm ins
Zimmer und streifte ihn mit dem kalten Flor des Verzagens. Aber er war einmal
hineingetreten in das Wagnis, absonderlich zu sein, und es mußte so
weitergehen, fast ohne daß er es wollte. Wer in die Seltsamkeiten
hineingegangen ist, den nehmen sie und führen ihn mit regierenden Händen
weiter, reißen ihn fort, lassen ihn nicht wieder los. Einsam verbrachte er die Tage
und die Nächte. Zwei kleine Kinder lagen im anderen Zimmer, hart an der Wand.
Er hörte sie vielmal kläglich weinen. Ganze lange dunkle Nächte lag er schlaflos
da, als sei der Schlaf sein Feind, fürchte und fliehe ihn, und als sei das
Wachbleiben sein guter Kamerad, der sich nicht von ihm zu trennen vermöge.
Täglich machte er denselben Gang durch die winterlich gefrorenen Wiesen, wobei es ihm war, als befinde er sich auf tagelanger Wanderung durch fremde,
unbekannte Gegenden. Ein Tag glich dem andern. Kein junger Mensch würde
dieses Leben haben schön finden können. Er aber wollte es einmal so; er befahl
sich, daß er diese Lebensweise schön finde. Da er Reize sehen wollte, sah er sie
auch, da er die Tiefe suchte, fand er sie, da er Not kennen lernen wollte, gab sie
sich ihm zu erkennen. Freudig und stolz ertrug er alle sogenannte Langeweile.
Das Einerlei und die eine und selbe Farbe waren ihm schön, und der eine Ton
war sein Leben. Er wollte nichts wissen von Langeweile. Es gab keine für ihn.
So regierte er sich. So lebte er. Er verkehrte wie mit sinnlich-körperlichen Wesen
mit den stillen Frauen, den Stunden. Sie kamen und gingen, und Oskar, so hieß
er, verlor nie die Geduld. Ungeduld bedeutete Tod für ihn. Ausdauer, in die er
sich mit freiem Willen wohllüstig senkte, war sein menschlich Leben. Süß wie
Rosenduft umstrickte und umduftete ihn der Gedanke, daß er arm sei. Er gehörte
mit Leib und Seele und mit allen seinen Gedanken und Gefühlen und mit dem
ganzen Herzen zu den Armen. Er liebte die versteckten Wege zwischen den
hohen Hecken, und die Abende waren seine Freunde. Keinen höheren Genuß
kannte er, als den Genuß von Tag und Nacht.