Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 5 von 126

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Kleine Dichtungen

Pierot

 

Auf den Maskenball war auch ein langer, hochaufgeschossener, ungelenkiger

Gesell gekommen. Er nannte sich Pierot. Vielleicht wäre es für ihn besser getan

gewesen, hübsch ruhig zu Hause zu bleiben und zwischen seinen eigenen vier

Wänden Trübsal zu blasen, als hier im schönen Vergnügungssaal durch

Langeweile hervorzuragen. Er schlenkerte und schleuderte die langen Arme hin

und her. Es sah zum Verzweifeln aus, wie er seinen Kopf zur Erde hängen ließ.

Wo wollte er hinaus mit sich, und was gedachte er auf dem lustigen Maskenball

zu beginnen? Übermütig tanzten die Liebespaare rund um ihn herum. O wie

schön die Kerzen strahlten, wie süß die Musik spielte! War es nicht, als wenn

Mondstrahlen in den Saal hineinfliegen? Pierot legte sich, wie ein geschlagener

Hund, in einen Winkel an den Boden und schlug die Hände über dem Kopf

zusammen. Unterdessen wirbelte und wedelte und hüpfte, einem artigen,

guterzogenen Hündchen gleich, die Tanzlust hin und her. Gläser klirrten,

Pfropfen knallten, Wein wurde getrunken, und Gelächter ertönte. Ein glühender

Verehrer hatte die Geliebte und abgöttisch Verehrte aus den Augen verloren und

suchte sie. Ein anderer, vom Entzücken hingerissen, kniete vor der Dame seines

Herzens nieder. Zwei Glückliche küßten und liebkosten sich. Jedermann schien

das Seinige zu haben. Alles war bewegt; alles war in Bewegung. Nur er, der

arme, arme Pierot, war unbeweglich. Für ihn gab es keine Lust. Er begriff sich

selbst und die Welt nicht. Leblos, einer weißen Statue ähnlich, oder einem

Gemälde ähnlich, lag er da und schaute verständnislos vor sich hin. Ein kaum

merkliches trauervolles Lächeln spielte ihm um die blassen Lippen. Sein Gesicht

war ganz mehlern. Er hatte sich gepudert, der Dummkopf. Armer Dummkopf,

armer Bursche! Wo alles außer sich war, wo alles lebte und lachte, wo alles, was

Beine hatte, tanzte und Luftsprünge machte, glich er dem tödlich getroffenen

Verwundeten, verblutend an den spitzfindigen, dolchähnlichen Melancholien. Ja,

er hätte zu Hause bleiben sollen. Derlei hoffnungslose Menschen sollen der Lust,

dem Glanz, dem Glück und der Freude fernbleiben. Sie sollen in der Einsamkeit

leben.