Kleine Dichtungen
Pierot
Auf den Maskenball war auch ein langer, hochaufgeschossener, ungelenkiger
Gesell gekommen. Er nannte sich Pierot. Vielleicht wäre es für ihn besser getan
gewesen, hübsch ruhig zu Hause zu bleiben und zwischen seinen eigenen vier
Wänden Trübsal zu blasen, als hier im schönen Vergnügungssaal durch
Langeweile hervorzuragen. Er schlenkerte und schleuderte die langen Arme hin
und her. Es sah zum Verzweifeln aus, wie er seinen Kopf zur Erde hängen ließ.
Wo wollte er hinaus mit sich, und was gedachte er auf dem lustigen Maskenball
zu beginnen? Übermütig tanzten die Liebespaare rund um ihn herum. O wie
schön die Kerzen strahlten, wie süß die Musik spielte! War es nicht, als wenn
Mondstrahlen in den Saal hineinfliegen? Pierot legte sich, wie ein geschlagener
Hund, in einen Winkel an den Boden und schlug die Hände über dem Kopf
zusammen. Unterdessen wirbelte und wedelte und hüpfte, einem artigen,
guterzogenen Hündchen gleich, die Tanzlust hin und her. Gläser klirrten,
Pfropfen knallten, Wein wurde getrunken, und Gelächter ertönte. Ein glühender
Verehrer hatte die Geliebte und abgöttisch Verehrte aus den Augen verloren und
suchte sie. Ein anderer, vom Entzücken hingerissen, kniete vor der Dame seines
Herzens nieder. Zwei Glückliche küßten und liebkosten sich. Jedermann schien
das Seinige zu haben. Alles war bewegt; alles war in Bewegung. Nur er, der
arme, arme Pierot, war unbeweglich. Für ihn gab es keine Lust. Er begriff sich
selbst und die Welt nicht. Leblos, einer weißen Statue ähnlich, oder einem
Gemälde ähnlich, lag er da und schaute verständnislos vor sich hin. Ein kaum
merkliches trauervolles Lächeln spielte ihm um die blassen Lippen. Sein Gesicht
war ganz mehlern. Er hatte sich gepudert, der Dummkopf. Armer Dummkopf,
armer Bursche! Wo alles außer sich war, wo alles lebte und lachte, wo alles, was
Beine hatte, tanzte und Luftsprünge machte, glich er dem tödlich getroffenen
Verwundeten, verblutend an den spitzfindigen, dolchähnlichen Melancholien. Ja,
er hätte zu Hause bleiben sollen. Derlei hoffnungslose Menschen sollen der Lust,
dem Glanz, dem Glück und der Freude fernbleiben. Sie sollen in der Einsamkeit
leben.