Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 49 von 126

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Kleine Dichtungen

Der Pole

 

In einem Dorf, nahe an der Grenze von Galizien, in einer Gegend also, wo

deutsche, russische und polnische Elemente sich berühren, erlebte ich eines

Nachts, es war im Winter, und das flache Land war mit Schnee bedeckt, eine

Wirtshausszene, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist, und die ich darum

gern aufzeichnen möchte. Ich und ein paar Burschen hatten uns zu einem

tapferen Gelage im miserablen, düsteren und räuberhüttenähnlichen Gasthaus

eingefunden. Das Bier, wenn ich so zurückdenke, war entsetzlich schlecht, und

das Gastzimmer, dortig herrschender Volksarmut entsprechend, schrecklich

unsauber; doch das hinderte uns junge vergnügliche Leute nicht, wacker zu

trinken und lustig zu singen und zu johlen. Nach und nach kamen noch andere

Kerle, ein Schreiner, Maurer, und dann war ja vor allen Dingen ein Bursche da,

den sie August nannten, ein junger Stallbursche aus dem gräflichen Schloß,

welches mit seinen stolzen, herrischen Türmen unfern in der Winternacht lag.

Der junge Pole, das war er, fing, da er schon mehrere Gläser von dem

abscheulichen Zeug getrunken hatte, zu der Musik, die ein anderer bereitwillig

zum besten gab, zu tanzen an, und er tanzte auf polnische Weise, wobei er über

das ganze Gesicht lachte. Überaus anmutig sah es aus, wie der junge Tänzer in

dem wüsten, von aller Grazie und von allem Edelsinn so weit entfernten Lokal

die Grazie und das artige Benehmen verkörperte, dadurch, daß er sich bald, wie

vor einer unsichtbaren Dame, verneigte und bald wieder sich stolz in die Brust

warf, als stehe er einem Gegner auf dem Kampfplatz gegenüber. Er spreizte

seine bestiefelten jungen Beine nach dem Takte der Musik, bog wieder das Knie,

und mit Arm und Hand führte er sehr manierliche Bewegungen aus. Von Zeit zu

Zeit wollte er, in dem Rausch, in dem er sich befand, wild und ungebärdig

werden, doch wie wenn er wieder seinen strengen Herrn und Meister vor sich

sehe, bändigte er die Wildheit und beugte sich unter die guten und schönen

Formen, derartig, daß es wie die Selbstzucht aussah, und daß es duftete wie nach

höherer Erkenntnis. Das Bild, das der junge hübsche Mensch darbot, indem er

solchermaßen mit der Ausschweifung kämpfte, ist mir unvergeßlich geblieben.

Gibt es auf Erden doch nichts Besseres und Erquicklicheres zu sehen als den Kampf, den der Mensch kämpft gegen die Untugenden, die in ihm schlummern,

als den stolzen Streit des Menschen mit sich selber. Der Bursche hatte nun

ausgetanzt und setzte sich wieder zu dem Volke der Johlenden, Schreienden und

Trinkenden. Der, der die Handharfe gespielt hatte, spielte aber munter weiter,

und da war es mir, als müßten die Töne von dem Instrument in der dicken

Rauchluft des Zimmers hängen und kleben bleiben, so garstig voll von Dunst

und Rauch war die jämmerliche Stube. Immer mehr wurde getobt und

getrunken. Da mit einem Male, wie ein Blitz aus dem Himmel, war Streit unter

den Leuten, und in eines Kerle Faust zückte ein Messer. »Wollt ihr mir so

kommen, ihr Bösewichte? Wartet nur!« schrie voller sonderbarer Autorität die

Wirtin. »Wenn ihr raufen wollt, so macht das draußen auf der Straße miteinander

ab!« Die ganze Stube schien betrunken. Alles drehte sich. Es war eine höllische

Szene. Einige von uns gingen in die Nacht hinaus, ich mit ihnen. Wie schön war

die Nacht mit ihrem Schnee und mit ihrem silbernen, hohen, großen Mond am

Himmel. Es zwang mich hinaufzuschauen zum Mond und zu den süßen Sternen.