Kleine Dichtungen
Der Pole
In einem Dorf, nahe an der Grenze von Galizien, in einer Gegend also, wo
deutsche, russische und polnische Elemente sich berühren, erlebte ich eines
Nachts, es war im Winter, und das flache Land war mit Schnee bedeckt, eine
Wirtshausszene, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist, und die ich darum
gern aufzeichnen möchte. Ich und ein paar Burschen hatten uns zu einem
tapferen Gelage im miserablen, düsteren und räuberhüttenähnlichen Gasthaus
eingefunden. Das Bier, wenn ich so zurückdenke, war entsetzlich schlecht, und
das Gastzimmer, dortig herrschender Volksarmut entsprechend, schrecklich
unsauber; doch das hinderte uns junge vergnügliche Leute nicht, wacker zu
trinken und lustig zu singen und zu johlen. Nach und nach kamen noch andere
Kerle, ein Schreiner, Maurer, und dann war ja vor allen Dingen ein Bursche da,
den sie August nannten, ein junger Stallbursche aus dem gräflichen Schloß,
welches mit seinen stolzen, herrischen Türmen unfern in der Winternacht lag.
Der junge Pole, das war er, fing, da er schon mehrere Gläser von dem
abscheulichen Zeug getrunken hatte, zu der Musik, die ein anderer bereitwillig
zum besten gab, zu tanzen an, und er tanzte auf polnische Weise, wobei er über
das ganze Gesicht lachte. Überaus anmutig sah es aus, wie der junge Tänzer in
dem wüsten, von aller Grazie und von allem Edelsinn so weit entfernten Lokal
die Grazie und das artige Benehmen verkörperte, dadurch, daß er sich bald, wie
vor einer unsichtbaren Dame, verneigte und bald wieder sich stolz in die Brust
warf, als stehe er einem Gegner auf dem Kampfplatz gegenüber. Er spreizte
seine bestiefelten jungen Beine nach dem Takte der Musik, bog wieder das Knie,
und mit Arm und Hand führte er sehr manierliche Bewegungen aus. Von Zeit zu
Zeit wollte er, in dem Rausch, in dem er sich befand, wild und ungebärdig
werden, doch wie wenn er wieder seinen strengen Herrn und Meister vor sich
sehe, bändigte er die Wildheit und beugte sich unter die guten und schönen
Formen, derartig, daß es wie die Selbstzucht aussah, und daß es duftete wie nach
höherer Erkenntnis. Das Bild, das der junge hübsche Mensch darbot, indem er
solchermaßen mit der Ausschweifung kämpfte, ist mir unvergeßlich geblieben.
Gibt es auf Erden doch nichts Besseres und Erquicklicheres zu sehen als den Kampf, den der Mensch kämpft gegen die Untugenden, die in ihm schlummern,
als den stolzen Streit des Menschen mit sich selber. Der Bursche hatte nun
ausgetanzt und setzte sich wieder zu dem Volke der Johlenden, Schreienden und
Trinkenden. Der, der die Handharfe gespielt hatte, spielte aber munter weiter,
und da war es mir, als müßten die Töne von dem Instrument in der dicken
Rauchluft des Zimmers hängen und kleben bleiben, so garstig voll von Dunst
und Rauch war die jämmerliche Stube. Immer mehr wurde getobt und
getrunken. Da mit einem Male, wie ein Blitz aus dem Himmel, war Streit unter
den Leuten, und in eines Kerle Faust zückte ein Messer. »Wollt ihr mir so
kommen, ihr Bösewichte? Wartet nur!« schrie voller sonderbarer Autorität die
Wirtin. »Wenn ihr raufen wollt, so macht das draußen auf der Straße miteinander
ab!« Die ganze Stube schien betrunken. Alles drehte sich. Es war eine höllische
Szene. Einige von uns gingen in die Nacht hinaus, ich mit ihnen. Wie schön war
die Nacht mit ihrem Schnee und mit ihrem silbernen, hohen, großen Mond am
Himmel. Es zwang mich hinaufzuschauen zum Mond und zu den süßen Sternen.