Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 88 von 126

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Kleine Dichtungen

An den Bruder

 

Fast mache ich mir einen Vorwurf, daß ich solch ein Schlenderer,

Herumfeger und Spaziergänger bin, aber es ist hier eine so schöne Gegend, ein

so heiteres, gut aufgeräumtes und ich möchte sagen gesprächiges Land. Alles ist

hell, schön, frei und warm. Land und Leute scheinen sich gleich unbefangen zu

geben. Das Land bietet sich dar wie ein artiges, liebes, kleines Kind mit

Unschuld-Augen und -Fragen, und mit Unschuld-Farben. Die Farben, mein

lieber Maler, sind ein weitverbreitetes Blau und ein ebenso weit ausgebreitetes

helles Grün, und dazwischen sind Stellen, die blendend weiß sind, und dann

kommt wogendes, duftendes, herzerquickendes Gelb, und das ist das Kornfeld,

durch welches der Wind leise weht. Tag und Nacht, Morgen und Abend sind

unendlich schön, sind ein Schauspiel, so recht zum Satt-Anschauen. Man wird

nie müde, nie satt, nie matt; man ist immer wieder begierig, immer wieder

ungesättigt, immer wieder unbefriedigt. Und doch ist zugleich ein wundersamer

Frieden und ein so schönes, festes, leichtes Genügen in der Luft. Wenn du

spazieren gehst, so gehst du wie in der Luft spazieren und meinst, du werdest zu

einem Teil des blauen Hauches, der über allem schwebt. Dann regnet es wieder,

und alles Gegenständliche ist dann so naß, feucht und voll süßen Glanzes. Die

Leute hier fühlen die Süße und die Liebe, die in der Natur ist, die in der ganzen

lebendigen Welt ist. Sie stehen angenehm herum, und ihren Bewegungen ist

nachzuspüren, daß sie freie Leute sind. Wenn sie zur täglichen Arbeit gehen, so

sieht es nicht aus wie mürrisches Müssen, sondern wie freisinniges Wollen. Sie

schlendern so, wenn sie gehen und wenn sie etwas verrichten, so brauchen sie

nicht zu hasten, und das bietet ein appetitliches, gesundes Bild dar. Was macht

die Hauptstadt mit ihren heftigen Energien? Meine Energie ist hübsch schlafen

gegangen einstweilen. Ich gehe sehr energisch baden und träume voller Energie

in die blaue Luft hinauf. Ich bin ungemein energisch im Gehenlassen und

Nichtstun. Sie rennen sich doch nur oft die Köpfe an Mauern wund mit ihrem

ewigen Großes-Verrichten-Wollen. Ich, ich will mich hier wieder recht behaglich

zurechtfinden. Ich will gedeihen, ich will wachsen. Das heißt, Bester: ich will es

nicht. So etwas darf man nicht wollen, sondern man wünscht es, man hofft es bloß, man träumt davon. Ich bin jetzt sehr oft ganz, ganz gedankenlos, und wie

paßt das zu all der Schönheit, zu all der Freude und zu all der Größe der Natur.

Eine himmelblaue Welle ist über mich gekommen und hat mich unter ihrem

flüssigen, liebevollen Leib begraben. Ich lebe wieder auf, weil ich viel vergessen

habe, ich führe wieder ein Leben, weil ich sehe, daß das Leben schön ist.

Zuweilen ist's mir, als möchte ich die Welt, die ganze Welt umarmen und ans

frohe Herz drücken. Ich schwärme! und ich bin von Herzen froh, daß ich es noch

kann. Ich möchte es nicht verlernen.