Kleine Dichtungen
Meta
Es trug sich zu, daß ich eines Nachts, nur noch dunkel erinnere ich mich der
kleinen aber rührenden Szene, von einer wilden Trinkwanderung verstört und
taumelnd heimkehrend, in einer der monotonen Straßen der großen Stadt eine
Frau antraf, die mich aufforderte, mit ihr nach Hause zu gehen. Es war keine
schöne und doch eine schöne Frau. Entsprechend dem Zustand, in welchem ich
mich befand, richtete ich allerhand mich selber höchlich belustigende, törichte,
wenngleich vielleicht witzige Redensarten an das nächtliche Geschöpf, wobei
ich mit der Gabe, die den Leuten eigen ist, die einen Rausch haben, merkte, daß
ich ihr sehr amüsant erschien. Noch mehr: ich gefiel ihr, und ich gewann den
Eindruck, daß sie sich einer liebenswürdigen Schwäche in bezug auf mich
hinzugeben begann. Ich wollte sie verlassen, doch sie ließ mich nicht los, und sie
sagte: »O, geh nicht von mir weg. Komm mit mir, lieber Freund. Willst du
kaltherzig sein und nichts empfinden für mich? Nicht doch. Du hast viel
getrunken, du kleines Kerlchen. Trotzdem sieht man dir an, daß du lieb bist.
Willst du nun böse sein und mich so schmählich abweisen, wo doch ich dich so
rasch liebgewonnen habe? Nicht doch. O, wenn du wüßtest – – doch man darf ja
den Herren nicht mit Gefühlen kommen, sonst verachten und verlachen sie
unsereinen nur. Wenn du wüßtest, was ich leide unter der Kälte, unter der Leere
all dieser Sinnlichkeiten, die mein trauerspielgleiches, schreckenerregendes
Gewerbe sind. Ich erschien mir bis heute nur immer wie ein Ungeheuer, wert,
mit Fußtritten behandelt zu werden. Ich habe jetzt eine milde, süße, fromme
Empfindung in mir, erweckt durch dich, mein Lieber, und du, du willst mich
jetzt wieder in den Scheusalabgrund zurückwerfen? Nicht doch. Bleib, bleib,
und komm mit mir. Wir wollen die ganze Nacht verscherzen miteinander. O, ich
werde dich zu unterhalten wissen, du sollst sehen. Wer Freude hat, ist der nicht
am ehesten zur Unterhaltung geschaffen? Und ich, ich habe jetzt, nach langer,
langer Zeit, wieder einmal eine Freude. Weißt du, was das für mich, die
Entmenschte, bedeutet? Weißt du das? Du lächelst? Du lächelst hübsch, und ich
liebe dein Lächeln. Und willst du nun lieblos, und ganz entfernt von aller
schönen Freundschaft, treten auf die Freude, die ich bei deinem Anblick empfinde? Willst du zerstören und zunichte machen, was mich glücklich, was
mich, nach so langer, langer Zeit, wieder einmal glücklich macht? Süßer Freund!
Soll ich, nachdem ich immer mit dem Grausen und mit dem bleiernen Entsetzen
mich habe einlassen müssen, nun mich nicht auch einmal mit dem wahrhaftigen
Vergnügen befassen dürfen? Sei nicht grausam. Bitte, bitte. Nein, du wirst es
nicht bereuen. Du wirst die Stunden, mit der Verachteten und Entehrten
zugebracht, willkommen heißen und in deinem Innern segnen. Sei weich und
komm mit mir. Sei sonst meinetwegen nie weich, aber jetzt, jetzt sei es und
knüpfe vertraulich an mit der Geschmähten. Sieh, wie die Tränen mir in die
Augen kommen, und höre, wie ich flehe. Wenn du gehst, ohne freundlich zu mir
zu sein, ist mir alles schwarz vor den Augen; hingegen, wenn du lieb bist, strahlt
in der Nacht die helle Sonne. Sei du heute nacht der glückversprechende,
freundliche Stern an meinem Himmel. Du bist gerührt? Du gibst mir die Hand?
Du willst mit mir kommen? Du liebst mich?« – –
Nachwort: Könnte dies nicht Kirke sein, die den seefahrenden ritterlichen
Griechen bittet, bei ihr zu bleiben? Er will heim, doch sie, sie fleht ihn an, sie
nicht zu verlassen. Sie ist eine böse Zauberin, die diejenigen, die sie anschaut, in
grunzende Schweine verwandelt. Sie bestreitet es zwar; sie sagt, sie sei keine
böse Zauberin, sondern unterliege selber dem bösen Zauber. Das kann schon
möglich sein. Übrigens ist sie rührend schön. Sie besitzt eine weiche, lispelnde
Stimme, und aus ihren meergrünen und -blauen Augen, wie wir sie oft bei
ausländischen Katzen sehen, bricht ein wunderbarer, stolzer und lieber Glanz.
Sie ist nicht unglücklich und doch auch wieder nicht glücklich. Bei dem
Griechen sucht und findet sie ihr Glück, und nun will er sie verlassen, um zur
harrenden Gattin zurückzukehren. O zartes Trauerspiel. Unter anderem sagt sie
ihm, daß die Gefährten sich ja ganz von selbst in Schweine verwandelt hätten.
Nicht bei ihr, sondern bei ihnen selber sei die Schande und die Schuld zu suchen.
Weil sie wollen Schweine sein, sind sie's. Sie lächelt, und in das Lächeln
schleicht sich eine Träne. Sie ist ironisch und zugleich tiefernst, frivol und
gleichzeitig schwermütig. »Siehst du denn nicht,« spricht sie, seine Hand
erfassend, »daß nicht ich die Zauberin jetzt bin, sondern daß du der Zauberer
bist? O, sei mein Freund, mein Schützer, mein lieber, herrlicher Zauberer.
Schütze mich vor der Kirke. Ich bin nicht die Kirke, wenn du bei mir bist. Sie
geht weg, wenn du nicht weggehst.« So redet sie und überschüttet ihn mit süßen
Liebkosungen, doch er, er – – geht. Er überläßt sie der Kirke, er überläßt sie sich selbst, er überläßt sie der ihr innewohnenden Grausamkeit, er überläßt sie der
Schmach, deren Sklavin sie ist. Kann er gehen? Ist er so hart?