Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 9 von 126

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Kleine Dichtungen

Meta

 

Es trug sich zu, daß ich eines Nachts, nur noch dunkel erinnere ich mich der

kleinen aber rührenden Szene, von einer wilden Trinkwanderung verstört und

taumelnd heimkehrend, in einer der monotonen Straßen der großen Stadt eine

Frau antraf, die mich aufforderte, mit ihr nach Hause zu gehen. Es war keine

schöne und doch eine schöne Frau. Entsprechend dem Zustand, in welchem ich

mich befand, richtete ich allerhand mich selber höchlich belustigende, törichte,

wenngleich vielleicht witzige Redensarten an das nächtliche Geschöpf, wobei

ich mit der Gabe, die den Leuten eigen ist, die einen Rausch haben, merkte, daß

ich ihr sehr amüsant erschien. Noch mehr: ich gefiel ihr, und ich gewann den

Eindruck, daß sie sich einer liebenswürdigen Schwäche in bezug auf mich

hinzugeben begann. Ich wollte sie verlassen, doch sie ließ mich nicht los, und sie

sagte: »O, geh nicht von mir weg. Komm mit mir, lieber Freund. Willst du

kaltherzig sein und nichts empfinden für mich? Nicht doch. Du hast viel

getrunken, du kleines Kerlchen. Trotzdem sieht man dir an, daß du lieb bist.

Willst du nun böse sein und mich so schmählich abweisen, wo doch ich dich so

rasch liebgewonnen habe? Nicht doch. O, wenn du wüßtest – – doch man darf ja

den Herren nicht mit Gefühlen kommen, sonst verachten und verlachen sie

unsereinen nur. Wenn du wüßtest, was ich leide unter der Kälte, unter der Leere

all dieser Sinnlichkeiten, die mein trauerspielgleiches, schreckenerregendes

Gewerbe sind. Ich erschien mir bis heute nur immer wie ein Ungeheuer, wert,

mit Fußtritten behandelt zu werden. Ich habe jetzt eine milde, süße, fromme

Empfindung in mir, erweckt durch dich, mein Lieber, und du, du willst mich

jetzt wieder in den Scheusalabgrund zurückwerfen? Nicht doch. Bleib, bleib,

und komm mit mir. Wir wollen die ganze Nacht verscherzen miteinander. O, ich

werde dich zu unterhalten wissen, du sollst sehen. Wer Freude hat, ist der nicht

am ehesten zur Unterhaltung geschaffen? Und ich, ich habe jetzt, nach langer,

langer Zeit, wieder einmal eine Freude. Weißt du, was das für mich, die

Entmenschte, bedeutet? Weißt du das? Du lächelst? Du lächelst hübsch, und ich

liebe dein Lächeln. Und willst du nun lieblos, und ganz entfernt von aller

schönen Freundschaft, treten auf die Freude, die ich bei deinem Anblick empfinde? Willst du zerstören und zunichte machen, was mich glücklich, was

mich, nach so langer, langer Zeit, wieder einmal glücklich macht? Süßer Freund!

Soll ich, nachdem ich immer mit dem Grausen und mit dem bleiernen Entsetzen

mich habe einlassen müssen, nun mich nicht auch einmal mit dem wahrhaftigen

Vergnügen befassen dürfen? Sei nicht grausam. Bitte, bitte. Nein, du wirst es

nicht bereuen. Du wirst die Stunden, mit der Verachteten und Entehrten

zugebracht, willkommen heißen und in deinem Innern segnen. Sei weich und

komm mit mir. Sei sonst meinetwegen nie weich, aber jetzt, jetzt sei es und

knüpfe vertraulich an mit der Geschmähten. Sieh, wie die Tränen mir in die

Augen kommen, und höre, wie ich flehe. Wenn du gehst, ohne freundlich zu mir

zu sein, ist mir alles schwarz vor den Augen; hingegen, wenn du lieb bist, strahlt

in der Nacht die helle Sonne. Sei du heute nacht der glückversprechende,

freundliche Stern an meinem Himmel. Du bist gerührt? Du gibst mir die Hand?

Du willst mit mir kommen? Du liebst mich?« – –

 

Nachwort: Könnte dies nicht Kirke sein, die den seefahrenden ritterlichen

Griechen bittet, bei ihr zu bleiben? Er will heim, doch sie, sie fleht ihn an, sie

nicht zu verlassen. Sie ist eine böse Zauberin, die diejenigen, die sie anschaut, in

grunzende Schweine verwandelt. Sie bestreitet es zwar; sie sagt, sie sei keine

böse Zauberin, sondern unterliege selber dem bösen Zauber. Das kann schon

möglich sein. Übrigens ist sie rührend schön. Sie besitzt eine weiche, lispelnde

Stimme, und aus ihren meergrünen und -blauen Augen, wie wir sie oft bei

ausländischen Katzen sehen, bricht ein wunderbarer, stolzer und lieber Glanz.

Sie ist nicht unglücklich und doch auch wieder nicht glücklich. Bei dem

Griechen sucht und findet sie ihr Glück, und nun will er sie verlassen, um zur

harrenden Gattin zurückzukehren. O zartes Trauerspiel. Unter anderem sagt sie

ihm, daß die Gefährten sich ja ganz von selbst in Schweine verwandelt hätten.

Nicht bei ihr, sondern bei ihnen selber sei die Schande und die Schuld zu suchen.

Weil sie wollen Schweine sein, sind sie's. Sie lächelt, und in das Lächeln

schleicht sich eine Träne. Sie ist ironisch und zugleich tiefernst, frivol und

gleichzeitig schwermütig. »Siehst du denn nicht,« spricht sie, seine Hand

erfassend, »daß nicht ich die Zauberin jetzt bin, sondern daß du der Zauberer

bist? O, sei mein Freund, mein Schützer, mein lieber, herrlicher Zauberer.

Schütze mich vor der Kirke. Ich bin nicht die Kirke, wenn du bei mir bist. Sie

geht weg, wenn du nicht weggehst.« So redet sie und überschüttet ihn mit süßen

Liebkosungen, doch er, er – – geht. Er überläßt sie der Kirke, er überläßt sie sich selbst, er überläßt sie der ihr innewohnenden Grausamkeit, er überläßt sie der

Schmach, deren Sklavin sie ist. Kann er gehen? Ist er so hart?