Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 29 von 126

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Kleine Dichtungen

Die Einladung

 

Ich habe dir ein himmlisch schönes Plätzchen zu zeigen, Himmlische. Der

Ort liegt ganz im stillen, bescheidenen, grünen Wald verborgen, wie ein Gedanke

in einem Gedanken. Es ist eine weiche, milde Schlucht, die von niemand besucht

wird. Sie liegt in den Bäumen so warm begraben, o so süß versteckt, dort, bilde

ich mir ein, möchte ich dich küssen, mit innigen, sanften, süßen und langen

Küssen, mit Küssen, die alles Reden, selbst das schönste und beste, verbieten.

Der Ort, so zart und so abgelegen, wie er ist, steht in keinem Reisebuch als

Sehenswürdigkeit verzeichnet. Ein kleiner, durch dichtes Gebüsch sich

windender Fußpfad führt zu der Schlucht, zu dem Wunderort, wo ich dir zeigen

möchte, Wunderbare, wie ich dich liebe, wo ich dir zeigen möchte, Engel, wie

ich dich vergöttere. Dort umschlingt und umhalst man sich wie von selber, und

wie von selber berühren sich die Lippen. Du weißt noch nicht, wie ich küssen

kann. So komm an den Ort, wo nichts ist als das liebliche Rauschen der hohen

Bäume, dort wirst du es erfahren. Ich werde kein Wort reden, und auch du wirst

kein Wort reden, wir werden beide schweigen, nur die Blätter werden leise

flüstern, und der süße Sonnenschein wird durch das zierliche Geäste brechen. O

wie still, wie still wird es sein, wenn wir uns küssen, wie schön wird es sein,

wenn unsere Lippen liebesdurstig und -hungrig aneinanderhängen, wie süß wird

es sein, wenn wir in der stillen, lieben Schlucht uns lieben. Wir wollen uns

liebkosen und küssen in einem fort, bis der Abend kommt und mit ihm die

silbern blitzenden Sterne und der Mond, der göttliche. Zu sagen werden wir uns

nichts haben, denn es soll alles nur ein Kuß, ein unaufhörlicher,

ununterbrochener, stunden-stundenlanger entzückender Kuß sein. Wer lieben

will, will nicht mehr sprechen, denn wer sprechen will, will nicht mehr lieben. O

komm an den heilig entrückten Ort der Tat, an den Ort der Ausübung, wo alles

sich verliert in Erfüllung, und wo alles ertrinkt und erstirbt in Liebe. Die Vögel

werden uns mit ihrem fröhlichen Gesang umzwitschern und in der Nacht wird

eine himmlische Stille um uns sein. Was man Welt nennt, wird hinter uns liegen,

und gefangen gehalten von dem Entzücken, werden wir beide Kinder der Erde

sein und fühlen, was Leben heißt, empfinden, was Dasein heißt. Wer nicht liebt, hat kein Dasein, ist nicht da, ist gestorben. Wer Lust zu lieben hat, steht von den

Toten auf, und nur wer liebt, ist lebendig.