Kleine Dichtungen
Die Einladung
Ich habe dir ein himmlisch schönes Plätzchen zu zeigen, Himmlische. Der
Ort liegt ganz im stillen, bescheidenen, grünen Wald verborgen, wie ein Gedanke
in einem Gedanken. Es ist eine weiche, milde Schlucht, die von niemand besucht
wird. Sie liegt in den Bäumen so warm begraben, o so süß versteckt, dort, bilde
ich mir ein, möchte ich dich küssen, mit innigen, sanften, süßen und langen
Küssen, mit Küssen, die alles Reden, selbst das schönste und beste, verbieten.
Der Ort, so zart und so abgelegen, wie er ist, steht in keinem Reisebuch als
Sehenswürdigkeit verzeichnet. Ein kleiner, durch dichtes Gebüsch sich
windender Fußpfad führt zu der Schlucht, zu dem Wunderort, wo ich dir zeigen
möchte, Wunderbare, wie ich dich liebe, wo ich dir zeigen möchte, Engel, wie
ich dich vergöttere. Dort umschlingt und umhalst man sich wie von selber, und
wie von selber berühren sich die Lippen. Du weißt noch nicht, wie ich küssen
kann. So komm an den Ort, wo nichts ist als das liebliche Rauschen der hohen
Bäume, dort wirst du es erfahren. Ich werde kein Wort reden, und auch du wirst
kein Wort reden, wir werden beide schweigen, nur die Blätter werden leise
flüstern, und der süße Sonnenschein wird durch das zierliche Geäste brechen. O
wie still, wie still wird es sein, wenn wir uns küssen, wie schön wird es sein,
wenn unsere Lippen liebesdurstig und -hungrig aneinanderhängen, wie süß wird
es sein, wenn wir in der stillen, lieben Schlucht uns lieben. Wir wollen uns
liebkosen und küssen in einem fort, bis der Abend kommt und mit ihm die
silbern blitzenden Sterne und der Mond, der göttliche. Zu sagen werden wir uns
nichts haben, denn es soll alles nur ein Kuß, ein unaufhörlicher,
ununterbrochener, stunden-stundenlanger entzückender Kuß sein. Wer lieben
will, will nicht mehr sprechen, denn wer sprechen will, will nicht mehr lieben. O
komm an den heilig entrückten Ort der Tat, an den Ort der Ausübung, wo alles
sich verliert in Erfüllung, und wo alles ertrinkt und erstirbt in Liebe. Die Vögel
werden uns mit ihrem fröhlichen Gesang umzwitschern und in der Nacht wird
eine himmlische Stille um uns sein. Was man Welt nennt, wird hinter uns liegen,
und gefangen gehalten von dem Entzücken, werden wir beide Kinder der Erde
sein und fühlen, was Leben heißt, empfinden, was Dasein heißt. Wer nicht liebt, hat kein Dasein, ist nicht da, ist gestorben. Wer Lust zu lieben hat, steht von den
Toten auf, und nur wer liebt, ist lebendig.