Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 60 von 126

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Kleine Dichtungen

Eine Stadt

 

Eines Tages, mitten im Sommer, langte ich in einer Stadt an, in welcher ich

einstmals gewohnt hatte, die ich aber nun schon seit manchem Jahr nicht mehr

wiedersah. Sie sah so bleich, so farblos aus, die Stadt, daß ich mich vor ihr

fürchtete. Ich ging durch die altbekannten Gassen, in der Vermutung, daß mich

ihr Anblick ergötzen und erquicken werde, doch es war ganz anders, der Anblick

schlug mich nieder, und ein seltsames, unbeschreibliches Verzagen ging mir

durch die enttäuschte Seele. Es kam mir alles so tot vor, die Leute erschienen mir

wie Gespenster. Unerfreut starrten mich die bleichen Häuser an, und ich

wiederum betrachtete sie voller Mißtrauen. Die Frauen kamen mir wie keine

Frauen, die Männer wie keine Männer vor, und ich selber war zum

unglücklichen Gespenst geworden in der gespenstischen und unglücklichen

Umgebung. Das elektrische Tram erschien mir wie irrsinnig, die ganze Stadt

machte mir den kummervollen Eindruck eines traurigen, hoffnungslosen

Traumes. Gebeugt von der Unruhe und niedergeschlagen von den üblen

Eindrücken, trat ich in ein Wirtshaus, um mich ein wenig zu erfrischen, aber ich

fand nur neuerlichen Schrecken. »Warum bin ich nur hierher gekommen,«

dachte ich, und ich verließ die Halle. In der Gasse, durch die ich nun ging, roch

es wie nach dem Entsetzen. Ein altes geschminktes Weibsbild lächelte gräßlich

aus einem Fenster zu mir herunter. Mir schien, als wenn der Mord hier herum zu

Hause sei. Ich sehnte mich nach einer Tiefe, nach einer Kühle, aber es war

ringsum alles flach, schwül und leer. Staub in den engen, fürchterlich kleinen

Gassen, in denen Zwerge und ungezieferartige Tiere zu leben und zu hausen

schienen und nicht Menschen. Die Fenster grinsten wie Grimassen mich an, und

die offenen Haustüren sahen aus, als seien sie sperrangelweit offen für jegliche

Art von Verrat, Laster und Verbrechen. Keine Tugend, keine Ehrlichkeit, keine

Ehrsamkeit schien mehr in dieser weltverlassenen Stadt möglich, ich konnte kein

Kindergesicht finden, die Kinder schienen gestorben zu sein in dieser Stadt des

starrenden und stierenden Entsetzens. Ich ging wie wund umher, ich hätte mich

am liebsten am Straßenboden niedersetzen und heulen mögen, wie ein Tier, wie

ein armer Hund, der seinen lieben gütigen Herrn verloren. Ohne Stern war diese Stadt, ohne Sonne und ohne Mond. Traurig ging ich weiter. Da zog es mich in

ein Haus, o, in ein Haus hinein, in das ich früher so oft gegangen. In dem Hause

hatte ich einstens gewohnt, und wie fröhlich war ich aus- und eingegangen. Jetzt

konnte ich das gar nicht mehr begreifen. Furchtsam stieg ich die Treppe hinauf,

die schlecht gehalten war. Eine Beklemmnis begleitete mich hinauf, und da sah

ich das dunkle Zimmer wieder, in welchem ich ehemals logiert hatte, aber es war

ein anderes Zimmer. Ich kannte es nicht mehr. Es glich einem Sarg, und ein

eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich ging nun auf die Suche nach einer

Frau, die ich geliebt hatte, aber die Leute schauten mich fremd und

verständnislos an, als habe ich mich nach einer Frau erkundigt, die vor tausend

Jahren lebte. Wie süß, wie liebevoll war sie gewesen. Ich fühlte noch die sanften

Liebkosungen ihrer Hand auf meiner Stirn, und es war mir, wie ich nun so

meines Weges weiterging, als sollte sie auf mich hinzutreten und mich küssen.

Aber es begegnete mir niemand, der mich kannte. Alles, alles war fremd. Mir

war nichts wert, und ihnen allen, den fremden Leuten, war ich nichts wert. Ich

drehte der Stadt den Rücken und wanderte weiter.