Kleine Dichtungen
Eine Stadt
Eines Tages, mitten im Sommer, langte ich in einer Stadt an, in welcher ich
einstmals gewohnt hatte, die ich aber nun schon seit manchem Jahr nicht mehr
wiedersah. Sie sah so bleich, so farblos aus, die Stadt, daß ich mich vor ihr
fürchtete. Ich ging durch die altbekannten Gassen, in der Vermutung, daß mich
ihr Anblick ergötzen und erquicken werde, doch es war ganz anders, der Anblick
schlug mich nieder, und ein seltsames, unbeschreibliches Verzagen ging mir
durch die enttäuschte Seele. Es kam mir alles so tot vor, die Leute erschienen mir
wie Gespenster. Unerfreut starrten mich die bleichen Häuser an, und ich
wiederum betrachtete sie voller Mißtrauen. Die Frauen kamen mir wie keine
Frauen, die Männer wie keine Männer vor, und ich selber war zum
unglücklichen Gespenst geworden in der gespenstischen und unglücklichen
Umgebung. Das elektrische Tram erschien mir wie irrsinnig, die ganze Stadt
machte mir den kummervollen Eindruck eines traurigen, hoffnungslosen
Traumes. Gebeugt von der Unruhe und niedergeschlagen von den üblen
Eindrücken, trat ich in ein Wirtshaus, um mich ein wenig zu erfrischen, aber ich
fand nur neuerlichen Schrecken. »Warum bin ich nur hierher gekommen,«
dachte ich, und ich verließ die Halle. In der Gasse, durch die ich nun ging, roch
es wie nach dem Entsetzen. Ein altes geschminktes Weibsbild lächelte gräßlich
aus einem Fenster zu mir herunter. Mir schien, als wenn der Mord hier herum zu
Hause sei. Ich sehnte mich nach einer Tiefe, nach einer Kühle, aber es war
ringsum alles flach, schwül und leer. Staub in den engen, fürchterlich kleinen
Gassen, in denen Zwerge und ungezieferartige Tiere zu leben und zu hausen
schienen und nicht Menschen. Die Fenster grinsten wie Grimassen mich an, und
die offenen Haustüren sahen aus, als seien sie sperrangelweit offen für jegliche
Art von Verrat, Laster und Verbrechen. Keine Tugend, keine Ehrlichkeit, keine
Ehrsamkeit schien mehr in dieser weltverlassenen Stadt möglich, ich konnte kein
Kindergesicht finden, die Kinder schienen gestorben zu sein in dieser Stadt des
starrenden und stierenden Entsetzens. Ich ging wie wund umher, ich hätte mich
am liebsten am Straßenboden niedersetzen und heulen mögen, wie ein Tier, wie
ein armer Hund, der seinen lieben gütigen Herrn verloren. Ohne Stern war diese Stadt, ohne Sonne und ohne Mond. Traurig ging ich weiter. Da zog es mich in
ein Haus, o, in ein Haus hinein, in das ich früher so oft gegangen. In dem Hause
hatte ich einstens gewohnt, und wie fröhlich war ich aus- und eingegangen. Jetzt
konnte ich das gar nicht mehr begreifen. Furchtsam stieg ich die Treppe hinauf,
die schlecht gehalten war. Eine Beklemmnis begleitete mich hinauf, und da sah
ich das dunkle Zimmer wieder, in welchem ich ehemals logiert hatte, aber es war
ein anderes Zimmer. Ich kannte es nicht mehr. Es glich einem Sarg, und ein
eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Ich ging nun auf die Suche nach einer
Frau, die ich geliebt hatte, aber die Leute schauten mich fremd und
verständnislos an, als habe ich mich nach einer Frau erkundigt, die vor tausend
Jahren lebte. Wie süß, wie liebevoll war sie gewesen. Ich fühlte noch die sanften
Liebkosungen ihrer Hand auf meiner Stirn, und es war mir, wie ich nun so
meines Weges weiterging, als sollte sie auf mich hinzutreten und mich küssen.
Aber es begegnete mir niemand, der mich kannte. Alles, alles war fremd. Mir
war nichts wert, und ihnen allen, den fremden Leuten, war ich nichts wert. Ich
drehte der Stadt den Rücken und wanderte weiter.