Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 72 von 126

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Kleine Dichtungen

Schnee

 

Wir haben hier Schnee, lieber Freund, soviel du begehrst und du Lust hast.

Das ganze Land ist dick mit Schnee bedeckt. Wohin man blickt: Schnee; Schnee

da und Schnee dort. Auf allen Gegenständen liegt er, und die Leute unserer

Stadt, groß und klein, werfen sich, um sich ein Vergnügen zu machen,

Schneebälle an. Die Kinder können soviel Schlitten fahren als sie wollen, und

das wollen sie gern. Gestern stieg ich im Schnee den Berg hinauf, und je höher

ich kam, um so tiefer watete ich im tiefen, weichen Zeug. Nicht nur die Zweige

und Äste der Bäume, sondern auch die hohen Stämme waren mit der weißen

Last bedeckt. Es war nämlich Schneesturm gewesen, und da fegte aus Westen

das tolle Schneewesen daher, als wolle es von seitwärts die Welt mit Weiß

überschütten. Nimmt mich wunder, daß nicht Haus und alles zugedeckt worden

ist. Immer höher in den verschneiten Wald hinauf stieg ich. Es ging nicht ab

ohne einiges Ächzen, denn im frischen tiefen Schnee läuft sichs schwer. Ich zog

den Hut vom schwitzenden Kopf ab wie im Sommer, und mein Wintermantel

wurde mir lästig. Da hörte ich Axtschläge. Ein junger Bursche stand ganz allein

in der weißen, abendlichen Waldeinsamkeit und machte sich mit einer Tanne zu

schaffen. Weiterhin und so stieß ich auf ein sonderbares unerwartetes Hindernis.

Zwei große Tannen, vom Sturm zu Boden gerissen, lagen ihrer stattlichen Länge

nach mitten im engen Waldweg und versperrten denselben mit ihren

weitausgreifenden Ästen. Doch ich arbeitete mich wacker durch und ging weiter.

Schon wurde es finster im weißen Zauberwald. Da ging ich bergabwärts, durch

all den Schnee. Einmal warf es mich um, daß ich im Schnee saß, als habe ich

mich zu Tisch setzen wollen, um zu soupieren. Ich raffte mich auf, mußte lachen

und beschleunigte den Heimweg.