Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 40 von 126

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Kleine Dichtungen

Das Veilchen

 

Es war ein dunkler, warmer Märzabend, als ich durch das reizende,

gartenreiche Villenviertel ging. Vielerlei Menschenaugen hatten mich schon

gestreift. Es war mir, als schauten die Augen mich tiefer und ernster an als sonst,

und auch ich schaute den vorübergehenden Menschen ernster und länger in die

Augen. Vielleicht ist es der beginnende Frühling mit der wohllüstigen warmen

Luft, der in die Augen einen höheren Glanz legt und in die Menschenseelen

einen alten und neuen Zauber. Frauen nehmen sich in der Frühlings- und

Vorfrühlingsluft mit den weichen Brüsten, die sie tragen, und von denen sie

gehoben und getragen werden, wunderbar aus. Die Gartenstraße war

schwärzlich, aber sehr sauber und weich. Es kam mir vor, und ich wollte mir

einbilden, ich gehe auf einem weichen, kostbaren Teppich. Voll Melodien schien

die Atmosphäre. Aus der dunklen geheimnisvollen Gartenerde streckten schon

die ersten Blumen ihre blauen und gelben und roten Köpfchen schüchtern

hervor. Es duftete, und ich wußte nicht recht nach was. Es schwebte ein stilles,

angenehmes Fragen durch die süße, dunkle, weiche Luft. Ich ging so, und indem

ich ging, schmeichelte sich ein zartes unbestimmtes Glücksgefühl in mein Herz

hinein. Mir war zumute, als gehe ich durch einen herrlichen, lieben und uralten

Park, da kam eine schöne, junge, zarte Frau auf mich zu, violett gekleidet.

Anmutig war ihr Gang und edel ihre Haltung, und wie sie näher kam, schaute sie

mich mit rehartig-braunen Augen seltsam scheu an. Auch ich schaute sie an, und

als sie weiter gegangen war, drehte ich mich nach ihr um, denn ich konnte der

Lust und dem hinreißenden Verlangen, sie noch einmal, wenn auch nur im

Rücken, zu sehen, nicht widerstehen. Wie eine Phantasieerscheinung glitt die

reizende Gestalt mehr und mehr in die Ferne. Ein Weh durchschnitt mir die

Seele. »Warum muß sie davongehen?« sagte ich mir. Ich schaute ihr nach, bis sie

im zunehmenden Abenddunkel verschwand und wie ein süßer, übersüßer Duft

verduftete. Da träumte ich vor mich hin, es sei mir ein großes, frauenförmiges

Veilchen begegnet mit braunen Augen, und das Veilchen sei nun verschwunden.

Die Laternen indessen waren schon angezündet und strahlten rötlich-gelb in den

blassen Abend. Ich ging in mein Zimmer, zündete die Lampe an, setzte mich an meinen altertümlichen Schreibtisch und versank in Gedanken.