Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 7 von 126

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Kleine Dichtungen

Frau von Twann

 

Waren Sie schon einmal bei Frau von Twann? Nicht? Dann beeilen Sie sich,

dieser Frau eine Artigkeit zu sagen, damit Sie eine Einladung bekommen, bei ihr

zum Essen zu erscheinen. Frau von Twann ist geistvoll, aber sie ist noch mehr

als das, sie ist schön. Sie ist in ihrer Art eine reife Birne, weich, doch von

ausnehmend schöner Form. Das Essen, das sie gibt, ist vorzüglich; die Weine

sind ausgezeichnet. Doch das ist das wenigste. Wenn du Frau von Twann die

Hand küßt, schwebst du schon im Himmel. Ein Lächeln hat diese Frau. Geh hin

zu ihr und sieh zu, daß sie dir ein Lächeln schenkt. Ihr Lächeln ist wie ein Kuß.

Sie weiß das, und daher hütet sie sich, es zu verschwenden. Die Blumen, die

Lichter, die Musik bei Frau von Twann. Schon der bloße Gedanke macht mich

schwelgen. B…, dieser Kenner der Genüsse, lechzt danach, der seltenen Frau

vorgestellt zu werden, und sie wird sicherlich den ausgezeichneten Mann gern

empfangen. Sie besitzt Geschmack, doch sie besitzt mehr, sie besitzt Größe. Sie

ist von einer Munterkeit durchdrungen, die auf denjenigen überspringt, der die

Freude empfindet, sich an der Unterhaltung beteiligen zu dürfen, deren Lenkerin

und Leiterin sie ist. Sie ist die Herrin und Gebieterin vieler reizender Einfälle,

und zu wem sie ein Wort spricht, der ist von ihr bezaubert. Ihr Eßzimmer ist

schneeweiß, von zartem Gold durchbrochen. Süße Malereien schmücken die

Wände. Der Empfangsraum ist grün, gleich der frohlockenden Hoffnung, die

Gunst der Herrin des Hauses zu gewinnen. Wer bei ihr im Hause ist, der muß

frohlocken, ob er will oder nicht. Die Bedienung ist tadellos. Die Diener der

Frau von Twann sind derart einexerziert, daß man gar nicht merkt, daß sie

überhaupt da sind. Kann man einer Dienerschaft ein besseres Zeugnis

ausstellen? Die unsichtbare Musik, die während des Essens in die Ohren der

Schmausenden niederträufelt, ist so schön, daß man sich einbildet, Mozart selbst

dirigiere sie. Poeten tragen gern bei Frau von Twann ihre neuesten, noch ganz

warmen und feuchten Gedichte vor, und sie ernten meist reichen Beifall, den sie

redlich verdienen. Wen lädt die holde hohe Frau ein? Nun, alle, die von der

Absicht beseelt sind, sich ehrlich zu amüsieren. Sie liebt die Ausgelassenheit. O

das Mondlicht, das zarte, silberne, das dort in die heimlichen, duftenden Gemächer hineinbricht. Eines ihrer Zimmer ist ganz blau, wie ein Himmel.

Dorthin verlieren sich die Liebenden, um sich zu küssen. Noch hat kein Mensch

sich bei Frau von Twann gelangweilt. Das müßte ein elender Mensch sein, der

sich bei der Liebenswürdigen, Anbetenswerten langweilen könnte. Aber das ist

ja unmöglich. Sie macht den, der sie kennen lernt, zum guten, edlen und

unterhaltenden Menschen.