Kleine Dichtungen
Frau von Twann
Waren Sie schon einmal bei Frau von Twann? Nicht? Dann beeilen Sie sich,
dieser Frau eine Artigkeit zu sagen, damit Sie eine Einladung bekommen, bei ihr
zum Essen zu erscheinen. Frau von Twann ist geistvoll, aber sie ist noch mehr
als das, sie ist schön. Sie ist in ihrer Art eine reife Birne, weich, doch von
ausnehmend schöner Form. Das Essen, das sie gibt, ist vorzüglich; die Weine
sind ausgezeichnet. Doch das ist das wenigste. Wenn du Frau von Twann die
Hand küßt, schwebst du schon im Himmel. Ein Lächeln hat diese Frau. Geh hin
zu ihr und sieh zu, daß sie dir ein Lächeln schenkt. Ihr Lächeln ist wie ein Kuß.
Sie weiß das, und daher hütet sie sich, es zu verschwenden. Die Blumen, die
Lichter, die Musik bei Frau von Twann. Schon der bloße Gedanke macht mich
schwelgen. B…, dieser Kenner der Genüsse, lechzt danach, der seltenen Frau
vorgestellt zu werden, und sie wird sicherlich den ausgezeichneten Mann gern
empfangen. Sie besitzt Geschmack, doch sie besitzt mehr, sie besitzt Größe. Sie
ist von einer Munterkeit durchdrungen, die auf denjenigen überspringt, der die
Freude empfindet, sich an der Unterhaltung beteiligen zu dürfen, deren Lenkerin
und Leiterin sie ist. Sie ist die Herrin und Gebieterin vieler reizender Einfälle,
und zu wem sie ein Wort spricht, der ist von ihr bezaubert. Ihr Eßzimmer ist
schneeweiß, von zartem Gold durchbrochen. Süße Malereien schmücken die
Wände. Der Empfangsraum ist grün, gleich der frohlockenden Hoffnung, die
Gunst der Herrin des Hauses zu gewinnen. Wer bei ihr im Hause ist, der muß
frohlocken, ob er will oder nicht. Die Bedienung ist tadellos. Die Diener der
Frau von Twann sind derart einexerziert, daß man gar nicht merkt, daß sie
überhaupt da sind. Kann man einer Dienerschaft ein besseres Zeugnis
ausstellen? Die unsichtbare Musik, die während des Essens in die Ohren der
Schmausenden niederträufelt, ist so schön, daß man sich einbildet, Mozart selbst
dirigiere sie. Poeten tragen gern bei Frau von Twann ihre neuesten, noch ganz
warmen und feuchten Gedichte vor, und sie ernten meist reichen Beifall, den sie
redlich verdienen. Wen lädt die holde hohe Frau ein? Nun, alle, die von der
Absicht beseelt sind, sich ehrlich zu amüsieren. Sie liebt die Ausgelassenheit. O
das Mondlicht, das zarte, silberne, das dort in die heimlichen, duftenden Gemächer hineinbricht. Eines ihrer Zimmer ist ganz blau, wie ein Himmel.
Dorthin verlieren sich die Liebenden, um sich zu küssen. Noch hat kein Mensch
sich bei Frau von Twann gelangweilt. Das müßte ein elender Mensch sein, der
sich bei der Liebenswürdigen, Anbetenswerten langweilen könnte. Aber das ist
ja unmöglich. Sie macht den, der sie kennen lernt, zum guten, edlen und
unterhaltenden Menschen.