Kleine Dichtungen
Das Götzenbild
Ein junger Mann, an dessen Eleganz, Bildung und Herkunft niemand
zweifelte, und der das fraglose Glück genoß, zu den gesitteten Menschen zu
zählen, erlebte eines Tages, indem er das Völkermuseum besuchte, um die
Altertümer zu studieren, folgendes sonderbares, wenn nicht furchtbares und
grauenhaftes Abenteuer. Der junge Mann, nachdem er sich mit vielem Interesse
in den weitschweifigen Räumlichkeiten, vollgepfropft mit allen nur erdenklichen
Sehenswürdigkeiten, umgeschaut hatte, stand plötzlich, er wußte nicht wie, vor
einer uralten hölzernen Figur, die, so abschreckend und plump sie auch war,
einen mächtigen und gleich darauf übermächtigen Eindruck auf ihn machte,
derart, daß er sich durch das rohe Götzenbild, denn ein solches war es, an Leib
und Seele verzaubert sah. Der Atem stockte ihm, das Herz klopfte laut, das Blut
strömte ihm, gleich einem angeschwollenen reißenden Bach, durch alle Adern,
das Haar stieg ihm zu Berg, die Glieder zitterten, und eine ungeheuerliche,
entsetzliche Lust packte ihn jählings an, sich an den Boden zu werfen, in die
Zerknirschung und Erniedrigung, um das furchtbare Bild, das den Wüsten
Afrikas entnommen worden war, aufs lebhafteste anzubeten; Barbarenwonne
rieselte ihm durch die geblendete und der Vernunft beraubte Seele. Er stieß einen
Schrei aus, der durch die weite Halle gräßlich tönte, und nur eben so viel
Fassungskraft blieb ihm übrig, als nötig war, sich mit einem verzweifelten Ruck
aus der schreckenerregenden Umdunkelung an das lieblich helle Bewußtsein
einigermaßen emporzuraffen. Das tat er, und mit weitausholenden stürmischen
Schritten, so, als wenn hinter ihm Feuer ausgebrochen sei, und allen eifrigen
Interesses für die Wissenschaften mit einem Mal verlustig, jagte und stürzte er
gegen die Türe, und erst, als er sich in freier Luft befand und sich wieder
umgeben sah von lebendig-tätigen Menschen, erholte er sich vom panikartigen
Entsetzen, eine Geschichte, die ihn, der sie erlebte, tief nachdenken machte, über
die ich jedoch den Leser bitte zu lächeln.