Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 13 von 126

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Kleine Dichtungen

Nächtliche Wanderung

 

Einmal machte ich eine Nachtwanderung, es war eine dunkle, wolkige,

warme Mainacht. Die Erde blühte und duftete. Aus den schweigenden

nächtlichen Gärten flüsterte und lispelte es mir zu, als sei alles Geheime nun

offen und als rede das Verschwiegene. Mein leichter, behender, fleißiger Fuß

trug mich leicht über die harte Landstraße. Das Harte war weich wie Flaum, und

das Mühselige machte mich nur lachen, als sei es die Freundlichkeit selber. Ich

hatte eine merkwürdige Freude an dem eigenen fröhlichen Weiter- und

Weitermarschieren. Taktgemäß ging es von Dorf zu Dorf, und die Dörfer

schlummerten so schön, so friedlich. Nur aus den Gasthäusern drang manchmal

noch einiger später Lärm, und betrunkene Wirtshausgestalten taumelten mir hie

und da entgegen. Ich lief, als sei ich der behende Wind, oder als sei ich ein Bote,

der mit Windesgeschwindigkeit eine geheime Botschaft an einen weit entfernten

Ort trägt. Alsdann war es mir wieder ums Herz, als sei ich ein flüchtiger

Verbrecher, der die Nachtstunden benutzt, um auszureißen und sich in Sicherheit

zu bringen. Ich war wie ein Indianer, der über die Ebene springt; doch bei mir

ging es hin und wieder bergauf, um wieder in die Tiefe zu sinken. Neugierig

guckten oft die süßen Sterne blinzelnd zwischen geheimnisvollem Gewölk auf

den Fußgänger herab, und der Mond, der wackere Freund aller derjenigen, die

nächtlings wandern, trat groß und majestätisch und freundlich aus der schwarzen

Umhülltheit hervor, um bald darauf wieder zu verschwinden. So kam es und

verschwand es und tauchte bald wieder auf, und ein unhörbares Rauschen war in

allem, die Nacht rauschte, als sei sie eine Quelle, und das ist wahr: sie ist die

Quelle alles Schönen, Lieben und Guten. So war mir dann wieder, als sei ich ein

Liebender, befindlich auf der Suche nach der lockenden lieblichen Geliebten.

Irgendwo im Land, das so schön dunkel war, wohnte sie: ihr Fenster stand jetzt

vielleicht offen, daß alle ihre träumerischen Gedanken wie Vögel

hinausflatterten, um sich in der herrlichen Nacht zu verlieren. Sie lag im Bett,

aber ohne schlafen zu können und ohne einschlafen zu wollen, da sie an den

fremden kühnen lieben Burschen dachte, den sie liebte, und von dem sie wußte,

daß er sie liebte. Solchermaßen vertrieb ich mir die Zeit, die ich mit Laufen zubrachte, mit krausen dunklen Einbildungen, indes die Brunnen neben der

Straße leise plätscherten. Einige Fenster hatten noch Licht, und das einsame

Licht nahm sich aus wie die Idee im Kopf eines seltsamen Menschen. Auf solche

Weise schritt ich vorwärts, fröhlich und voll Bangen, mutig und voll Verzagen,

ganz gedankenlos und wieder voll Gedanken.