Kleine Dichtungen
Nächtliche Wanderung
Einmal machte ich eine Nachtwanderung, es war eine dunkle, wolkige,
warme Mainacht. Die Erde blühte und duftete. Aus den schweigenden
nächtlichen Gärten flüsterte und lispelte es mir zu, als sei alles Geheime nun
offen und als rede das Verschwiegene. Mein leichter, behender, fleißiger Fuß
trug mich leicht über die harte Landstraße. Das Harte war weich wie Flaum, und
das Mühselige machte mich nur lachen, als sei es die Freundlichkeit selber. Ich
hatte eine merkwürdige Freude an dem eigenen fröhlichen Weiter- und
Weitermarschieren. Taktgemäß ging es von Dorf zu Dorf, und die Dörfer
schlummerten so schön, so friedlich. Nur aus den Gasthäusern drang manchmal
noch einiger später Lärm, und betrunkene Wirtshausgestalten taumelten mir hie
und da entgegen. Ich lief, als sei ich der behende Wind, oder als sei ich ein Bote,
der mit Windesgeschwindigkeit eine geheime Botschaft an einen weit entfernten
Ort trägt. Alsdann war es mir wieder ums Herz, als sei ich ein flüchtiger
Verbrecher, der die Nachtstunden benutzt, um auszureißen und sich in Sicherheit
zu bringen. Ich war wie ein Indianer, der über die Ebene springt; doch bei mir
ging es hin und wieder bergauf, um wieder in die Tiefe zu sinken. Neugierig
guckten oft die süßen Sterne blinzelnd zwischen geheimnisvollem Gewölk auf
den Fußgänger herab, und der Mond, der wackere Freund aller derjenigen, die
nächtlings wandern, trat groß und majestätisch und freundlich aus der schwarzen
Umhülltheit hervor, um bald darauf wieder zu verschwinden. So kam es und
verschwand es und tauchte bald wieder auf, und ein unhörbares Rauschen war in
allem, die Nacht rauschte, als sei sie eine Quelle, und das ist wahr: sie ist die
Quelle alles Schönen, Lieben und Guten. So war mir dann wieder, als sei ich ein
Liebender, befindlich auf der Suche nach der lockenden lieblichen Geliebten.
Irgendwo im Land, das so schön dunkel war, wohnte sie: ihr Fenster stand jetzt
vielleicht offen, daß alle ihre träumerischen Gedanken wie Vögel
hinausflatterten, um sich in der herrlichen Nacht zu verlieren. Sie lag im Bett,
aber ohne schlafen zu können und ohne einschlafen zu wollen, da sie an den
fremden kühnen lieben Burschen dachte, den sie liebte, und von dem sie wußte,
daß er sie liebte. Solchermaßen vertrieb ich mir die Zeit, die ich mit Laufen zubrachte, mit krausen dunklen Einbildungen, indes die Brunnen neben der
Straße leise plätscherten. Einige Fenster hatten noch Licht, und das einsame
Licht nahm sich aus wie die Idee im Kopf eines seltsamen Menschen. Auf solche
Weise schritt ich vorwärts, fröhlich und voll Bangen, mutig und voll Verzagen,
ganz gedankenlos und wieder voll Gedanken.