Kleine Dichtungen
Der Nachen
Ich glaube, ich habe diese Szene schon geschrieben, aber ich will sie noch
einmal schreiben. In einem Nachen, mitten auf dem See, sitzen ein Mann und
eine Frau. Hoch oben am dunklen Himmel steht der Mond. Die Nacht ist still
und warm, recht geeignet für das träumerische Liebesabenteuer. Ist der Mann im
Nachen ein Entführer? Ist die Frau die glückliche, bezauberte Verführte? Das
wissen wir nicht; wir sehen nur, wie sie beide sich küssen. Der dunkle Berg liegt
wie ein Riese im glänzenden Wasser. Am Ufer liegt ein Schloß oder Landhaus
mit einem erhellten Fenster. Kein Laut, kein Ton. Alles ist in ein schwarzes,
süßes Schweigen gehüllt. Die Sterne zittern hoch oben am Himmel und auch von
tief unten aus dem Himmel herauf, der im Wasserspiegel liegt. Das Wasser ist
die Freundin des Mondes, es hat ihn zu sich herabgezogen, und nun küssen sich
das Wasser und der Mond wie Freund und Freundin. Der schöne Mond ist in das
Wasser gesunken wie ein junger kühner Fürst in eine Flut von Gefahren. Er
spiegelt sich im Wasser, wie ein schönes liebevolles Herz sich in einem andern
liebesdurstigen Herzen widerspiegelt. Herrlich ist es, wie der Mond dem
Liebenden gleicht, ertrunken in Genüssen, und wie das Wasser der glücklichen
Geliebten gleicht, umhalsend und umarmend den königlichen Liebsten. Mann
und Frau im Boot sind ganz still. Ein langer Kuß hält sie gefangen. Die Ruder
liegen lässig auf dem Wasser. Werden sie glücklich, werden sie glücklich
werden, die zwei, die da im Nachen sind, die zwei, die sich küssen, die zwei, die
der Mond bescheint, die zwei, die sich lieben?