Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 4 von 126

PDF-Seiten

Kleine Dichtungen

Der Nachen

 

Ich glaube, ich habe diese Szene schon geschrieben, aber ich will sie noch

einmal schreiben. In einem Nachen, mitten auf dem See, sitzen ein Mann und

eine Frau. Hoch oben am dunklen Himmel steht der Mond. Die Nacht ist still

und warm, recht geeignet für das träumerische Liebesabenteuer. Ist der Mann im

Nachen ein Entführer? Ist die Frau die glückliche, bezauberte Verführte? Das

wissen wir nicht; wir sehen nur, wie sie beide sich küssen. Der dunkle Berg liegt

wie ein Riese im glänzenden Wasser. Am Ufer liegt ein Schloß oder Landhaus

mit einem erhellten Fenster. Kein Laut, kein Ton. Alles ist in ein schwarzes,

süßes Schweigen gehüllt. Die Sterne zittern hoch oben am Himmel und auch von

tief unten aus dem Himmel herauf, der im Wasserspiegel liegt. Das Wasser ist

die Freundin des Mondes, es hat ihn zu sich herabgezogen, und nun küssen sich

das Wasser und der Mond wie Freund und Freundin. Der schöne Mond ist in das

Wasser gesunken wie ein junger kühner Fürst in eine Flut von Gefahren. Er

spiegelt sich im Wasser, wie ein schönes liebevolles Herz sich in einem andern

liebesdurstigen Herzen widerspiegelt. Herrlich ist es, wie der Mond dem

Liebenden gleicht, ertrunken in Genüssen, und wie das Wasser der glücklichen

Geliebten gleicht, umhalsend und umarmend den königlichen Liebsten. Mann

und Frau im Boot sind ganz still. Ein langer Kuß hält sie gefangen. Die Ruder

liegen lässig auf dem Wasser. Werden sie glücklich, werden sie glücklich

werden, die zwei, die da im Nachen sind, die zwei, die sich küssen, die zwei, die

der Mond bescheint, die zwei, die sich lieben?