Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 19 von 126

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Kleine Dichtungen

Zwei Bilder meines Bruders

 

»Die Frau am Fenster«

 

Warum steht diese Frau am Fenster? Steht sie nur da, um in die Gegend

hinauszuschauen? Oder hat ihr Gefühl sie ans Fenster geführt, damit sie könne in

die Weite hinausdenken? An was denkt die Dame? An etwas Verlorenes, an

etwas unwiederbringlich Verlorenes? So scheint es dem zu sein, der mit

aufmerksamen Augen das zarte Bild betrachtet. Weint die Frau, oder ist sie nahe

daran, zu weinen? Hat sie, kurz bevor sie ans Fenster trat, geweint oder wird sie,

wenn sie wird vom Fenster weggetreten sein, in Tränen ausbrechen? Wer das

Bild betrachtet, hält dies nicht für unmöglich. Hat die Frau, die hier so einsam an

dem Fenster steht, einen Geliebten, und ist nun vielleicht dieser liebe Freund für

immer fortgegangen? Höchst wahrscheinlich. Also hatte – – sie einen Geliebten?

Sie hat demnach also jetzt keinen holden Freund mehr? Steht nicht die arme

liebe Frau da, als sei, was ihr das Liebste gewesen ist, von ihr weggegangen, und

als bleibe ihr jetzt für immer nichts mehr anderes übrig als an den zu denken,

den sie verlor? Ihre Haltung scheint zu sprechen: »Ich habe ihn, kaum daß er mir

gestand, daß er mich liebe, und kaum, daß ich ihn umhalst und an das Herz

gedrückt habe, schon verloren. Wie grausam ist das.« – Was hat ihn denn

bewogen, sie zu verlassen, die er liebte und von der er sich geliebt fand? Hat das

Schicksal, haben die Wogen und Wellen des Lebens, die weder je nach Liebe

noch überhaupt je nach Zartheit fragen, sie getrennt, die sich liebten? Das läßt

sich denken. Alles Unschöne läßt sich ebenso leicht denken wie alles Schöne.

Vielleicht hat die Frau jetzt noch nicht alle Hoffnung auf ein süßes Wiedersehen

aufgegeben? Nein, sie hat keine Hoffnung mehr außer der Hoffnung, weinen zu

dürfen, stundenlang, und sich im Schmerz, der die Seele erschüttert, zu baden.

Für die Frau, die ihren Freund verloren hat, ist der Schmerz der heimliche

Freund, und das ist die letzte Art von Freund, die ein Mensch besitzen kann.

Entsetzlicher Freund, bleich im Gesicht, mit dem furchtbaren Lächeln

unauslöschlicher Trauer auf den Lippen, sage zu der Frau etwas, liebkose sie. Und in der Tat, er tut es: der Schmerz über die Trennung vom Geliebten muß