Kleine Dichtungen
Das Grab der Mutter
An einem Sonntag, gegen Abend, ging ich zum Friedhof, der nur wenige
Schritte von dem Ort entfernt liegt, wo ich wohne. Es hatte kurz vorher geregnet,
es war daher alles noch feucht, der Weg, die Bäume. Ich kam in den Totenhof
hinein zu den alten, stillen, heiligen Gräbern, und hier empfing mich wie mit
süßen, lieben, keuschen Armen ein so schönes, frisches Grün, wie ich es nie
gesehen. Leise schritt ich auf dem kiesbelegten Wege vorwärts. Es war alles so
still. Kein Blatt bewegte sich, nichts regte und rührte sich. Es war, als lausche
alles. Wie wenn das Grün die ringsverbreitete Feierlichkeit empfinde und über
das uralte und immer wieder junge Rätsel vom Tod und vom Leben in ein langes
und tiefes Sinnen versunken sei, hing es und lag es da in seiner feuchten,
wunderbaren Schönheit. Ich habe nie so etwas gesehen. Gewaltig mußte es mich
ergreifen, zu sehen, wie der Ort des ernsten Todes und des Schweigens für
immer so süß, so grün, so warm war. Kein Mensch außer mir ließ sich erblicken.
Außer dem Grün und den Grabsteinen war nichts da. Ich wagte kaum zu atmen
in all dieser Lautlosigkeit, und mein Schritt kam mir frech und unzart vor mitten
in all dem heiligen, ernsten und zarten Schweigen. Unendlich freundlich und
lieblich hing das reiche Grün eines Akazienbaumes über ein Grab herab, bei dem
ich stehen blieb. Es war das Grab meiner Mutter. Da schien alles nun zu flüstern
und zu lispeln, zu reden und zu deuten. Das lebendige Bild der Lieben und der
Verehrten stieg mit seinem Gesicht und mit des Gesichtes edlem Ausdruck sanft
und schleierhaft hinauf aus des grünen, stillen Grabes unfaßbarer Tiefe. Lange
stand ich da. Doch nicht traurig. Auch ich und du, wir, wir alle kommen einst
dahin, wo alles, alles still ist und beschlossen ist und alles aufhört und alles sich
auflösen muß zu einem Schweigen.