Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 86 von 126

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Kleine Dichtungen

Das Grab der Mutter

 

 

An einem Sonntag, gegen Abend, ging ich zum Friedhof, der nur wenige

Schritte von dem Ort entfernt liegt, wo ich wohne. Es hatte kurz vorher geregnet,

es war daher alles noch feucht, der Weg, die Bäume. Ich kam in den Totenhof

hinein zu den alten, stillen, heiligen Gräbern, und hier empfing mich wie mit

süßen, lieben, keuschen Armen ein so schönes, frisches Grün, wie ich es nie

gesehen. Leise schritt ich auf dem kiesbelegten Wege vorwärts. Es war alles so

still. Kein Blatt bewegte sich, nichts regte und rührte sich. Es war, als lausche

alles. Wie wenn das Grün die ringsverbreitete Feierlichkeit empfinde und über

das uralte und immer wieder junge Rätsel vom Tod und vom Leben in ein langes

und tiefes Sinnen versunken sei, hing es und lag es da in seiner feuchten,

wunderbaren Schönheit. Ich habe nie so etwas gesehen. Gewaltig mußte es mich

ergreifen, zu sehen, wie der Ort des ernsten Todes und des Schweigens für

immer so süß, so grün, so warm war. Kein Mensch außer mir ließ sich erblicken.

Außer dem Grün und den Grabsteinen war nichts da. Ich wagte kaum zu atmen

in all dieser Lautlosigkeit, und mein Schritt kam mir frech und unzart vor mitten

in all dem heiligen, ernsten und zarten Schweigen. Unendlich freundlich und

lieblich hing das reiche Grün eines Akazienbaumes über ein Grab herab, bei dem

ich stehen blieb. Es war das Grab meiner Mutter. Da schien alles nun zu flüstern

und zu lispeln, zu reden und zu deuten. Das lebendige Bild der Lieben und der

Verehrten stieg mit seinem Gesicht und mit des Gesichtes edlem Ausdruck sanft

und schleierhaft hinauf aus des grünen, stillen Grabes unfaßbarer Tiefe. Lange

stand ich da. Doch nicht traurig. Auch ich und du, wir, wir alle kommen einst

dahin, wo alles, alles still ist und beschlossen ist und alles aufhört und alles sich

auflösen muß zu einem Schweigen.