Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 58 von 126

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Kleine Dichtungen

Das Stellengesuch

 

Hochgeehrte Herren!

Ich bin ein armer, junger, stellenloser Handelsbeflissener, heiße Wenzel,

suche eine geeignete Stelle und erlaube mir hiermit, Sie höflich und artig

anzufragen, ob vielleicht in Ihren luftigen, hellen, freundlichen Räumen eine

solche frei sei. Ich weiß, daß Ihre werte Firma groß, stolz, alt und reich ist, und

ich darf mich daher wohl der angenehmen Vermutung hingeben, daß bei Ihnen

ein leichtes, nettes, hübsches Plätzchen offen ist, in welches ich, wie in eine Art

warmes Versteck, hineinschlüpfen kann. Ich eigne mich, müssen Sie wissen,

vortrefflich für die Besetzung eines derartigen bescheidenen Schlupfwinkels,

denn meine ganze Natur ist zart, und mein Wesen ist ein stilles, manierliches und

träumerisches Kind, das man glücklich macht, dadurch, daß man von ihm denkt,

es fordere nicht viel, und dadurch, daß man ihm erlaubt, von einem ganz, ganz

geringen Stück Dasein Besitz zu ergreifen, wo es sich auf seine Weise nützlich

erweisen und sich dabei wohlfühlen darf. Ein stilles, süßes, kleines Plätzchen im

Schatten ist von jeher der holde Inhalt aller meiner Träume gewesen, und wenn

sich jetzt die Illusionen, die ich mir von Ihnen mache, dazu versteigen, zu

hoffen, daß sich der junge und alte Traum in entzückende, lebendige

Wirklichkeit verwandle, so haben Sie an mir den eifrigsten und treuesten Diener,

dem es Gewissenssache sein wird, alle seine geringfügigen Obliegenheiten exakt

und pünktlich zu erfüllen. Große und schwierige Aufgaben kann ich nicht lösen

und Pflichten weitgehender Natur sind zu schwer für meinen Kopf. Ich bin nicht

sonderlich klug, und was die Hauptsache ist, ich mag den Verstand nicht gern so

sehr anstrengen, ich bin eher ein Träumer als ein Denker, eher eine Null als eine

Kraft, eher dumm als scharfsinnig. Sicherlich gibt es in Ihrem weitverzweigten

Institut, das ich mir überreich an Ämtern und Nebenämtern vorstelle, eine Art

von Arbeit, die man wie träumend verrichten kann. – Ich bin, um es offen zu

sagen, ein Chinese, will sagen, ein Mensch, den alles, was klein und bescheiden

ist, schön und lieblich anmutet, und dem alles Große und Vielerforderische

fürchterlich und entsetzlich ist. Ich kenne nur das Bedürfnis, mich wohl zu

fühlen, damit ich jeden Tag Gott für das liebe, segensreiche Dasein danken kann. Die Leidenschaft, es weit in der Welt zu bringen, ist mir unbekannt. Afrika mit

seinen Wüsten ist mir nicht fremder. So, nun wissen Sie, was ich für einer bin. –

Ich führe, wie Sie sehen, eine zierliche und geläufige Feder, und ganz ohne

Intelligenz brauchen Sie sich mich nicht vorzustellen. Mein Verstand ist klar;

doch weigert er sich, Vieles und Allzuvieles zu fassen, wovor er einen Abscheu

hat. Ich bin redlich, und ich bin mir bewußt, daß das in der Welt, in der wir

leben, herzlich wenig bedeutet, und somit, hochgeehrte Herren, warte ich, bis ich

sehen werde, was Ihnen beliebt zu antworten Ihrem in Hochachtung und

vorzüglicher Ergebenheit ertrinkenden

Wenzel.