Kleine Dichtungen

Robert Walser · Kapitel 35 von 126

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Kleine Dichtungen

Ein Nachmittag

 

Ich ging den sonnigen Hang des langgestreckten, hohen Berges entlang auf

einem hübschen Weg unter niederhängenden Tannenzweigen, an vereinzelten

Bauernhöfen vorbei, bis ich zu einem Schlößchen kam, in welchem ehedem ein

adliger Sonderling wohnte. Oftmals schaute ich zu den hohen weißen Felsen

hinauf. Der Tag war so mild, es war Ende Dezember. Eine feine, sozusagen

sorgsame, zarte Kälte vereinigte sich mit der nachmittäglichen Sonnenwärme. In

der Luft lag es wie etwas Süßes, die ganze waldige Gegend schien wie aus sich

selber heraus schön und wie für sich selber still-glücklich. Ich kam in das weite,

breite, imposante und behagliche Dorf. Die Häuser sahen aus, wie wenn sie stolz

auf sich seien, so alt und so schön waren sie. Frauen und spielende Kinder

begegneten mir. Da in dem Dorf die Uhrmacherkunst heimisch ist, so traf ich

auch einen Uhrmacher an. Ich stieg zu der alten, zierlich-ehrwürdigen Kirche

hinauf, die auf dicht mit dunkelgrünem Buchs besetzter kühner Anhöhe, hart

über dem Dorfe steht. Sinnend schaute ich mir die alten Gräber mit ihren

Inschriften an. Die Kirchuhr zeigte halb fünf, es fing an, Abend zu werden. Da

beeilte ich mich, den Berg hinaufzusteigen. Oben auf der winterlichen

Bergweide lag Schnee, der wunderbar glänzte, die Schneefläche so silbern, und

unten in der Tiefe so abendsonnig-dunkel das weite, graugrüne Land, und in der

Ferne das göttlich-schöne, kühne, zarte Hochgebirge. Es war mir, als wolle

meine Seele in die Seele der Landschaft, die ich da so groß vor mir sah,

hineintauchen. Ein Abendrot, wie ich es so schön und so reich noch nie glaubte

gesehen zu haben, kam nun noch über die Welt und machte sie zur bezaubernden

Rätselerscheinung. Die Welt war ein Gedicht, und der Abend war ein Traum.

Der kalte, glänzendweiße Silberschnee und das glühende Rot befreundeten sich

miteinander, es war, als liebe der Abendhimmel den bleichen Freund, den

Schnee, und sinke in ein süßes, phantastisches und überglückliches Erröten

darüber. Schnee und Abendrot schienen sich getraut zu haben, und es war, als

küßten und liebkosten sie einander. Herrlich standen auf der Winterweide die

großen, kahlen Buchen, einst so grün, so grün im vergangenen heißen Sommer.

Ich kam ins Dorf, alles war verschneit, es war schon dunkel geworden, eine Bauernfrau stand in der Dorfstraße. Ich ging ins einsame Tal hinunter, es kam

eine Kirche und ein zweites Dorf. Es war Nacht, und ein prächtiger,

wundersamer Sternenhimmel schimmerte auf die dunkle, liebe, stille Welt herab.